I. Liebe als Phänomen der sinnlich wahrnehmbaren Welt

Der Ausgangspunkt muss sein: Liebe ist ein Phänomen der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Liebe ist ein Gefühl, das den Körper benötigt, um wahrgenommen zu werden. Der menschliche Körper ist nicht weniger der göttlichen Natur zuzuschreiben als die Liebe. Wie wenig der Körper wertgeschätzt wurde und wird, ist gut bekannt. Warum sollte die Liebe als eine Ausnahme behandelt werden?

Die Liebe ist angewiesen auf die Differenz, auf die Besitznahme dieser und auf die Herrschaft über sie. Menschen herrschen über Menschen, wenn sie lieben. Das ist keineswegs pejorativ zu verstehen. Die Besessenheit des Menschen, die Liebe als eine sich selbst genügende Erfahrung zu erleben, ist ja nicht die Rückkehr zur irgendeiner wahren Form der Liebe, die plötzlich abhanden gekommen ist, sondern ist in letzter Instanz immer die Aufhebung des eigenen Selbst in der einzigen Daseinsform, die sich wirklich sich selbst genug ist: dem Einen. Doch genauso wie dieser Begriff nur die Negation ausdruckt, ausschließlich die Feststellung dessen ist, dass das Eine eben nicht die Vielfalt ist, genauso unzumutbar wäre es, das Eine plötzlich als Liebe kennzeichnen zu wollen.

Vorstellbar wäre, wenn überhaupt, nur folgendes Konstrukt: Da es im Geist keine örtliche Differenz gibt, kann man die Liebe in der stofflichen Welt als das Verlangen der Seelen lesen, die hier vorhandene, tatsächliche Trennung zwischen ihnen aufzuheben. Das Ziel wäre in diesem Falle aber nie und nimmer die Liebe, sondern immer nur die Einheit und das Sichselbstgenügen. Die Einheit aber ist nur im Geist möglich und benötigt dann keine Liebe.

Niemand sollte daran zweifeln, dass Liebe eine biochemische Reaktion des Körpers ist. Zweifelhaft sind jedoch erhabene Bedeutungen, die der Liebe zugeschrieben werden. Das menschliche Handeln an sich liefert doch alle Hinweise für das angemessene Verständnis. In ihrer natürlichen Form, befreit von jeder intellektuellen Anstrengung und qualvoller Widersetzung, vervollständigt sich Liebe immer in der fleischlichen Zusammenkunft. Im Vordergrund aber steht nicht die Zeugung des Nachwuchses, denn diese ist auch ohne Liebe möglich. Da die Liebe ausschließlich ein Phänomen der sinnlich wahrnehmbaren Welt ist, ist es nur zwingende Konsequenz, dass sie im Fleische ihren Höhepunkt sucht. Dieser Höhepunkt ist keineswegs nur sexueller Art. Auch schon kleine Zuwendungen der Liebenden und die Suche nach Nähe offenbaren die unerschütterliche Bedeutung des Körpers.

Ein weiterer Hinweis ist die unterschiedliche Intensität, mit der Liebe erfahren wird. In der Regel unterliegt die Liebe auch hier den natürlichen Gesetzen der sinnlich wahrnehmbaren Welt, nämlich der Unmöglichkeit der Intensitätserhaltung. Es ist kein Zufall, dass sich die westliche Welt, deren Verständnis von Liebe auf ihrer Überhöhung fußt, schwer mit der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit tut. Während wahre Liebe in Form von Ehe und monogamer Beziehung bis zum Tode vermutet wird, handeln Menschen nach den Regeln, die sich diesem Wunsch widersetzen. Zweifelsohne wird die Intensität einer neuen Beziehung fälschlicherweise für wahre Liebe missverstanden, dabei ist es nur die natürlichste Sache der fleischlichen Welt, dass etwas Neues die intensivste Reaktion im Menschen auslöst. Die hohe Bereitschaft des westlichen Menschen, Beziehungen aufzugeben, deren Intensität nachgelassen hat, ist nicht, wie linke Denker gerne postulieren, ein Hinweis darauf, dass die Wegwerfmentalität Überhand genommen hat. Menschen werfen Beziehungen nicht auf den Müll, weil sie keinen Wert haben, sondern weil die gestandene (reife) Liebe einen Wert erhält, der für sie ohne Funktion ist. Der Mensch ist jetzt auf der Suche nach wahrer Liebe. Diese ist ewig und unveränderlich, kann also nicht an Intensität verlieren. Wenn es sie gäbe, dann nur in der geistig wahrnehmbaren Welt.