Die Tür weit links

Die verdammte Tür

Akt I

Jahr 2053. Küche. Im Vordergrund ein Tisch mit sechs Stühlen. Rechts ist die Eingangstür. In der rechten Ecke die Küchenzeile. Frank, Ende sechzig, macht Salat. Links von der Küchenzeile ist ein Gang, der ins Esszimmer führt. Links vom Gang eine geschlossene Tür. Ganz links ein ungeöffnetes Fenster.

Frank macht Tomatensalat. Rechts von ihm ist eine leere Salatschüssel. Er nimmt die Salatschüssel und bringt sie zum Tisch. Dann geht er zurück zur Küchenzeile, wo er die Tomaten schneidet.

Frank

(mit übetrieben teuflischer Stimme) Ich bin das Feuer. Ich bin der Tod.

Frank lacht. Er ist zufrieden mit sich selbst.

Frank

(mit kindlicher Stimme) Ich bin das Feuer.

Er lacht wieder. Schüttelt ungläubig seinen Kopf.

Frank

Wer schreibt solche Zeilen?

Plötzlich schaut er nach links. Dann nach rechts. Grauen im Gesicht.

Frank

Wo ist die…

Er dreht sich um.

Frank

Salatschüssel.

Er läuft wieder zum Tisch und holt die Schüssel. Er kehrt mit der Salatschüssel zu den geschnittenen Tomaten, die er in die Schüssel tut.

Frank

Klar werde ich sterben. Aber nicht in so vielen Worten.

Wieder schüttelt Frank ungläubig seinen Kopf.

Frank

Und vielleicht auch ohne Punkt und Komma!

Frank lacht, beruhigt sich aber schnell wieder. Die Eingangstür geht auf, Patrick, auch Ende sechzig, tritt ein. Er hat eine dicke Jacke an.

Patrick

Guten Morgen.

Frank (schneidet noch mehr Tomaten)

Guten Morgen to you.

Patrick zieht seine Jacke aus und legt sie auf die Stuhllehne vor sich.

Frank

Wie war die Schule?

Patrick ist ein wenig irritiert.

Patrick

Schule? Das war doch vor über 40 Jahren.

Frank

Wie bitte, so lange hast du gebraucht? Bist wohl beim Italiener auf ein Eis stehen geblieben. Ich kenne das. Unfassbar lange Schlange. Dabei schmeckt es wie Pisse mit Farbstoff.

Patrick nickt desinteressiert und guckt auf seine Uhr. Dann macht er sich auf den Weg zum Fenster weit links. Frank bemerkt das und schaut erschrocken zu ihm. Als Patrick die geschlossene Tür erreicht, geht Frank einen Schritt, bleibt jedoch sofort stehen, wenn er bemerkt, dass Patrick eigentlich zum Fenster will. Patrick bleibt am Fenster stehen und schaut hinaus.

Patrick

Ist dir das dunkelblaue Fahrzeug aufgefallen, dass direkt auf der anderen Straßenseite parkt?

Frank

Nein.

Patrick

Der dunkelblaue Opel, der schon die ganze Nacht dort steht?

Frank

Nein, aber der Opel, der gestern unterm Apfelbaum geparkt war, und vorgestern direkt vorm Haupteingang. Der war auch dunkelblau. Muss wohl ein Zufall sein.

Patrick

Frank, das ist dasselbe Auto.

Frank

Du meinst den Opel mit den zwei jungen und freundlichen Typen, mit dunklen Sonnenbrillen und sehr schicken, aber pechschwarzen Anzügen? Sehr freundlich, die zwei Männer. Habe sie gestern gefragt, wonach sie suchen. Sie meinten, Supermarkt. Sie wollten mir nicht glauben, dass es hier keinen gibt. Sind wohl selbst nachgucken gegangen.

Patrick

Frank, was ist los mit dir? Wann wolltest du mir das sagen?

Frank

Was sagen?

Patrick

Dass wir beschattet werden?

Frank

Wie bitte, muss ich dir jetzt jede Kleinigkeit sagen? Auch wann ich auf Toilette gehen möchte?

Patrick

Das sagst du mir, auch wenn ich es niemals verlangt habe. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du damit aufhören würdest. Aber dass wir beschattet werden ist doch eine wichtige Sache. Keine Kleinigkeit.

Frank hört mit dem Schneiden der Tomaten auf. Er dreht sich zu seinem Gesprächspartner um.

Frank

Eine Kleinigkeit? An der Regelmäßigkeit meines Stuhlgangs ist in meinem Alter nichts mehr nebensächlich. Ich werde sterben. Ohne Punkt und Komma.

Patrick

Wir alle werden früher oder später sterben.

Frank

Und ohne Semikolon.

Patrick (unbeirrt)

Aber nicht alle Menschen werden beschattet.

Frank

Bleib locker, alter Mann. Wir werden nicht beschattet. Heute sehen alle Autos gleich aus.

Patrick

Männer mit dunklen Sonnenbrillen und pechschwarzen Anzügen. Was brauchst du mehr?

Patrick schaut wieder aus dem Fenster.

Frank

Es ist wie in diesem Buch.

Patrick

In welchem Buch?

Frank

Das Buch, das ich geschrieben habe.

Patrick

Du hast keine Bücher geschrieben.

Frank

Dann war es der Film.

Patrick

Du hast keine Filme gedreht.

Frank

Ich rede auch nicht von meinem Film, sondern von einem Film. Der eine über diese zwei ältere Männer, die beschattet werden. Der eine hält es für möglich, der andere bezweifelt es. Und beginnen tut die aberwitzige Geschichte in einer Küche.

Patrick

Hörst du überhaupt, was du da sagst?

Frank

Nicht so wirklich, seitdem ich dieses neue Hörgerät habe.

Patrick kann nicht glauben, was er da hört. Er guckt erneut auf seine Uhr und läuft zwei Schritte nach rechts zum Tisch zurück. Frank geht zwei Schritte nach links. Patrick bemerkt das und bleibt stehen. Frank bleibt auch sofort stehen. Er guckt bemüht auf seine Uhr. Patrick geht einen Schritt weiter, Frank macht ihm nach. Kurze Pause.

Patrick

Frank, was machst du da?

Frank

Die Uhrzeit nachsehen.

Patrick

Egal, wie ich diese Frage stelle, du wirst sie wohl nicht beantworten.

Frank

Wahrscheinlich nicht. Das liegt aber auch daran, dass deine Fragen immer so unklar sind.

Patrick

Ich glaube, der Grund ist ein ganz anderer.

Frank

Ich will dir ja nicht deinen Glauben nehmen, aber ich zeig dir, wie man Fragen stellt: Wo wolltest du gerade hin?

Patrick

Zum Auto.

Frank

Warum das?

Patrick

Die Einkaufstüten holen.

Frank

Sei mein Geist.

Frank geht einen Schritt zurück. Patrick wartet einen Moment, läuft dann an Frank vorbei und verlässt durch die Eingangstür die Bühne. Frank schaut ihm nach. Dann geht er zur geschlossenen Tür links vom Flur und versucht, sie zu öffnen. Sie ist verschlossen. Frank kehrt zu den Tomaten zurück und schneidet weiter. Nach einigen Augenblicke betritt Patrick wieder die Bühne durch die Eingangstür mit den Einkaufstüten. Er stellt sie auf dem Tisch ab.

Patrick

Du wirst mir nicht glauben, wen ich heute morgen gesehen habe.

Frank

Dann solltest du es auch nicht versuchen. Mit dem Überzeugen.

Patrick

Mona Steighoch.

Frank zuckt kurz zusammen.

Frank

Du hattest Recht. Das glaube ich dir nicht. Steighoch? Was ist das für ein Name?

Patrick

Sie hat mich nicht erkannt. Ich hab ihr von der Schulzeit erzählt. Sie hat gelächelt und gemeint, dass sie sich erinnert. Ich glaube, sie hat gelogen.

Frank

Das verstehe ich. Wie sieht sie aus?

Patrick

Alt.

Frank

Bitter. Für jemanden, an den ich mich nicht erinnere, sah sie früher sehr gut aus.

Patrick

Hast du gewusst, dass sie eine Tochter hat?

Frank

Nein! Wie denn auch auch! Ich hab nicht alle Frauen diesseits des Rheins begatten können.

Patrick

Reg dich nicht auf. Das habe ich auch nicht gemeint.

Patrick nimmt die Sachen aus den Einkaufstüten raus und breitet sie auf dem Tisch aus. Nahrungsmittel. Patrick sieht, wie viele Tomaten Frank schon geschnitten hat.

Patrick

Was machst du da eigentlich, Frank? Wofür brauchst du so viele geschnittene Tomaten?

Frank

Als ich damit anfing, wusste ich es noch. Jetzt mache ich es nur, weil es Spaß macht. Ist dir eigentlich aufgefallen, das sich eine Tomate wie eine verbrauchte Muschi anfühlt?

Patrick

Frank, bitte, nicht diese Sprache.

Patrick nimmt den Sack mit Kartoffeln und läuft in Richtung der verschlossenen Tür. Frank bemerkt das, gibt Gas und rennt vor die Tür. Patrick bleibt stehen.

Patrick

Was soll das sein?

Frank

(übertrieben unschuldig) Ich weiß nicht, was du meinst?

Patrick

Du stehst mir im Weg.

Frank sieht sich um.

Frank

In welchem Weg? In dieser Küche ist genug Platz für zwei von uns. Vor allem, seitdem du so stark abgenommen hast.

Patrick

Ich hab nicht abgenommen. Deine Dioptrie hat zugenommen.

Patrick läuft weiter, Frank geht aber nicht weg von der Tür.

Patrick

Mit deiner Erlaubnis würde ich die Kartoffeln gerne in den Keller bringen.

Frank

Mach das besser nicht. Dort unten ist es dunkel. Ich will nicht, dass du stolperst. Das kann böse enden.

Patrick

Keine Sorge. Ich mach das Licht an, bevor ich nach unten laufe.

Frank

Kartoffeln im Keller, das ist eine schlechte Idee. Die hohe Luftfeuchtigkeit ist nicht gut für Kartoffeln. Denk doch an Mona und ihr Gesicht.

Patrick

OK. Und wo soll ich jetzt deiner Meinung nach diese Kartoffeln lagern?

Frank legt seinen Arm um Patricks Schulter und sie laufen zurück zum Tisch.

Frank

Du hast die Sachen gekauft, ich werde sie an den angemessenen Platz bringen. Und ich mache uns Salat. Ich weiß, du magst keinen Tomatensalat. Er wird lecker schmecken. Warum gehst du nicht ins Wohnzimmer und schaust, was im Fernsehen läuft. Ich hab mal gehört, der Tod beim TV sehen soll der süßeste sein.

Patrick

Du hast Glück, dass ich heute Ischias habe.

Frank

Von Glück würde ich da nicht sprechen. Du stehst ja trotzdem noch voll im Leben.

Patrick

Übertreib es nicht, alter Mann.

Frank

Nie und nimmer.

Patrick wartet einen Moment und verlässt dann kommentarlos die Küche durch den Flur. Frank schaut ihm hinterher. Wenn Patrick nicht mehr zu sehen ist, läuft er zur verschlossenen Tür und versichert sich erneut, dass sie verschlossen ist. Er legt sein Ohr auf die Tür und lauscht. Dann geht er zum Fenster und schaut hinaus. Nach wenigen Sekunden läuft er zur Eingangstür. Auf dem Weg dorthin fallen ihm die geschnittenen Tomaten auf. Er schmeißt sie alle in den Mülleimer. Danach verlässt er die Küche durch die Eingangstür.