II RE: Inspiration, Wissen, Intuition

Photo by Manuel Mousiol

Photo by Manuel Mousiol

Ich möchte diese Zeilen nicht schreiben. Ich werde gezwungen, ja, sogar erpresst von Manuel Mousiol. Ich tue dies, um etwas anderes zu erreichen, das mir am Herzen liegt. Ist Zwang ein Thema in der Welt der Kunst? Haben sich die Meister der Renaissance gezwungen gefühlt, die Wünsche der Kirchenvertreter zu erfüllen? Mit wie viel Begeisterung haben Künstler Porträts von reichen Aristokraten gemalt? Ist ein Künstler sich nicht selbst verpflichtet zu wissen, was genau vor ihm geschehen ist? Ist ein Künstler nicht gezwungen, für seine Förderer und Bewunderer genau sagen zu können, was vor ihm andere Künstler vollbracht haben?

Es ist sicherlich eine Kombination aus Interesse, Bewunderung und Besessenheit. Interesse, weil ich mir sehr wohl den Autor eines Buches merke, aber nicht den Namen eines talentierten Handwerkers (notieren sollte ich ihn mir auf jeden Fall), Bewunderung, weil ich mehr von diesem Autor lesen möchte, und Besessenheit, weil ich ihn genau studieren, kategorisieren und bewerten möchte. Ich möchte ihn zum Teil des Mosaiks machen, das ich als das übergeordnete Verständnis unserer Welt verstehen. Es geht natürlich auch anders. Ich kann ohne Überlegung konsumieren. Ich kann LOST genießen und irgendwann, zu einem viel späteren Zeitpunkt, den Film “Prometheus” bewundern. Nun können mir eher zufällig Ähnlichkeiten, thematische und handwerkliche, auffallen. Oder ich kann auch mit dem Wissen ins Kino gehen, dass “Prometheus” aus der Feder von Damon Lindelof stammt (zumindest die endgültige Version), was mich dazu verleitet, mit bestimmten intellektuellen Erwartungen und Spielereien den Kinosaal zu betreten.

Dies ist ohne Frage die Sicht eines Kritikers oder einfachen Konsumenten. Aber sind Interesse, Bewunderung und Besessenheit keine Begriffe, mit denen der Künstler operieren kann?

Kein Künstler kreiert ohne Vorwissen. Einige halt mit mehr, einige halt mit weniger. Niemand geht durch die Welt, ohne dass sie ihm auffällt. Wie viel er wissen muss, bestimmt nicht nur seine Umwelt, die ihn bewertet, sondern auch sein Können und seine kreative Stärke, deren wichtigster Faktor heute leider nicht das Wissen ist. Ich bezweifle, dass Quentin Tarantino ein gebildeter Künstler ist. Wer mit solch perverser Begeisterung sein eigenes Werk demoliert, der hat kein breites Wissen, welches er bearbeiten kann. Die letzten 20 Minuten seines Machwerks “Django Unchained” sind in jeder Hinsicht ein Armutszeugnis des intelligenten Schreibens. Rache, stupide Gewalt und Zeitlupe sind Begriffe, mit denen man ein Werk beginnt und nicht beendet. Und trotzdem lässt ihn seine Umwelt walten, ja, macht ihn sogar zu einem Propheten der Postmoderne. Das gelingt ihm durch seine kreative Stärke. Nun, ich aber sage: Kreativität ohne Vorwissen ist nichts. Deswegen wird Tarantino auch immer scheitern. Ob er nun einen Film über den Zweiten Weltkrieg oder die Sklaverei in den Vereinigten Staaten macht, ist vollkommen irrelevant. Seine Filme bleiben Geschichten über Rache, stupide Gewaltausbrüche und den Einsatz von Zeitlupe. Oberfläche bleibt Oberfläche.

Ich wollte diese Zeilen nicht schreiben. Ich wurde dazu gezwungen. Ich habe kein Interesse daran, Themen in einer Epoche zu bewerten, in der alles nur in Hinterzimmern bewertet wird, weil vor laufenden Kameras geschworen werden muss, dass alles den gleichen Wert hat. Aber ich muss den Text mit etwas beenden. Also tue ich es hiermit: Der Künstler sollte lieber mehr wissen als weniger. Und wenn das bedeutet, dass er ein weiteres Buch zu lesen hat, was ihn dazu bringt, weniger kreativ zu sein, dann soll es so ein. Besser er dreht einen Film weniger, als dass ich mir diesen Film ansehen und erfahren muss, was er nicht weiß.