I.Inspiration, Wissen, Intuition

Image: Erleuchtung

Picture by Manuel Mousiol

Ich bin oft beschämt, obwohl ich wohl der offenherzigste und toleranteste Mensch bin, den ich kenne (außerdem bin ich offenkundig sehr bescheiden). Meine Scham resultiert aus Situationen, in denen ich über Film, Photografie und Kunst reden muss. Das sind die wahrscheinlich drei größten Themen meines Lebens:Mein Ziel ist es, meine eigenen Filme zu drehen, mein Hobby als auch mein Beruf sind Photografien (und Grafiken), mein Interesse als auch meine Ausbildung (Leistungsfach Abi, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik an der Uni) war die Kunst. Trotzdem kann ich oft nicht mehr von mir geben als meinen persönlichen Eindruck – man erwähne besser nicht Namen, Zeiten und Stile! Denn: Ich sehe zu wenige Filme (und Serien), ich schaue mir zu wenig Photografien und Galerien an, ich habe doch zu wenig Kunstgeschichte studiert und bin zu selten Gast von Museen und Ausstellungen. Ich frage mich: Wie auch? Ich habe noch mehr Interessen als auch Pflichten als diese drei Themen! Häufige Fragen in meinem Kopf: Wer ist dieser Regisseur, von dem geredet wird? In welcher Dekade hat dieser Photograf seine berühmtesten Werke geschossen (und welche sind seine berühmtesten Werke, und wer ist der Photograf überhaupt)?? Welcher Mal-Stil hat diese Epoche am meisten geprägt und wer hat diesen Mal-Stil am meisten geprägt (und wer ist dieser Mensch überhaupt)???

Einen „normalen“ Menschen brauchen diese Bildungslücken nicht zu unbehaglich machen, es wurde mir aber doch schon des öfteren gesagt, dass ich „das doch wissen müsse, als jemand, der … werden wolle!“ – hier zwischen dem (Berufs-) Ziel wählen: Regisseur, Photograf, Künstler.

Und tatsächlich kann ich mit voller Überzeugung sagen, dass diese Personen nicht vollkommen unrecht haben – als Künstler muss man Kunsterfahrung haben (indem man Kunst erfährt). Indem man viele Gemälde betrachtet, studiert, gedanklich zersetzt und analysiert kann man zum besseren Maler (oder auch ein Künstler anderer Art) werden.

Wie hat van Gogh diese Lichtpfützen auf dem Boden dargestellt?

Mit welchem Pinsel hat Richter diese unglaublich weiche Gradiation perfektioniert?

Worauf muss man selbst achten, um das Detailreichtum von Dürer zu erreichen?

Was steckt hinter dem Kubismus und was war Picassos Ziel bei diesem Stil – könnte ich es anders ausdrücken?

 

Im Allgemeinen gibt es drei Dinge, die einen erfolgreichen (wir reden hier jedoch nicht von finanziellem Erfolg) Künstler ausmachen:

  • Technik
  • Stil
  • Inhalt

Alle drei sind verbunden mit des Künstlers Persönlichkeit, des individuellen Geschmacks.

 

Ein gewisses angeborenes Talent an die Seite der Diskussion gestellt (darauf kommen wir noch zurück), kann man Technik erlernen – da heißt es in der Tat Üben und Observieren. Ein guter Photograf kennt seine Kamera und die Möglichkeiten der (digitalen) Bild-Entwicklung; er weiß, wie man einen hohen Dynamikumfang erzielt während man gleichzeitig den Kontrast bis an die Grenzen steigert; er hat ein gutes Auge für Farbübergänge und nimmt sie wichtig; und vieles mehr.

Der Stil eines Kunstwerkes ist ein Schlüsselpunkt, um seine Wirkung und Stimmung zu steigern – auch der Stil hat natürlich etwas mit Technik zu tun; insofern mit Erfahrung. Mit welcher Schnitttechnik erreiche ich einen hektischen Eindruck? Welche Kamerabewegung unterstützt den distanzierten Eindruck des Zuschauers? Auch hier wieder die Farbenlehre und die technische Bearbeitung und Umsetzung. 

Der Inhalt ist insofern freier, als dass es sich vielleicht um persönliche Gedanken handelt oder um ein Thema, das interessiert. Hier ist es natürlich eine recht individuelle Frage, ob das Thema inspiriert oder die Dialoge fesseln. Aber man kann auch Gefahr laufen, zu wiederholen – schon andere könnten (und werden) das selbe Thema bearbeitet haben – man will ja auch nicht immer wieder die gleichen Redewendungen und Reaktionen hören, will nicht immer auf das gleiche Motiv in einer Grafik schauen.

 

Hier ist also wirklich Erfahrung von Nöten, denn Du – der Macher! – bist nicht der Einzige, der produziert. Da sind wir schon bei dem ersten wichtigen Punkt angelangt, warum Erfahrung als (künstlerischer) Konsument sehr wichtig ist: Unbeabsichtigte Wiederholung langweilt und wirkt plagiatorisch – je mehr Du gesehen hast, desto mehr hast du Reflexionsmöglichkeiten, um etwas frisches Neues zu kreieren (außer Du bist Kunstfälscher, dann nutzt das Wissen beim Plagiarismus).

 

Hier ein Einwand meinerseits (so sehr der letzte Absatz auch stimmen mag): Wie viel Neues kann man denn noch kreieren? Das ist besonders auf den Stil (aber auch Inhalt) bezogen. Ist nicht alles ohnehin eine Variation einer Variation einer Variation einer…?

 Nächste Frage: Wie viel Technik muss ich erlernt haben, um Eigenständig meine Visionen umsetzen „zu dürfen“? Sicherlich, Techniken entwickeln sich mehr oder minder ewig weiter und auch der erfahrenste Professionelle hat nie ausgelernt. Ein intelligenter Mensch wird ohnehin nie aufhören, studieren zu wollen – man bleibt bis zu dem Tod interessiert und neugierig (hoffe ich jedenfalls – bin ja erst 30…wer weiß wer weiß!). Aber wer schreibt denn eigentlich vor, was ich gelernt haben muss, was ich gesehen haben muss?

Tatsächlich haben die Künste, für die ich mich besonders interessiere, eine recht kurze Geschichte – knapp etwas über 100 Jahre, abgesehen von Grafik und Design, die mit dem Rest der Kunst sicherlich verwoben sind. Aber wusste der verehrte Leser, dass man als Filmemacher, Kameramann oder auch Photograf sehr viel durch die klassischen Künste lernen kann? Es ist mir immer eine Freude, Licht und Schatten auf Gemälden zu studieren! Wir haben also einen Jahrtausend tiefen Fundus an Technik, Stil und Inhalt – und was allzu oft vergessen wird: Kunst gibt es auch außerhalb Europas! Ja, auch China, Japan, Korea, auch Russland und alles dazwischen, auch Afrika hat eine breite Kunstgeschichte – da ist Ignoranz ein Verbrechen! Wenn man mir mit einem Regisseur aus Hollywood oder Frankreich ankommt, möchte ich am liebsten gleich mit einem asiatischen Counter-Part kontern – leider kenne ich mich auch da zu wenig aus: Ups!

 

Ganz abgesehen davon, dass wir niemals fähig sind, Alles zu wissen, zählt hier wohl natürlich das Motto „je mehr desto besser“; aber ganz theoretisierend: Ist derjenige, der alle Kunstwerke der Welt gesehen hat und in sich trägt, der beste Künstler? Steigt man als Künstler gleichwohl mit seinem Wissen im Rang auf (gesetzt den Fall, dass dieses Wissen bei den eigenen Werken zum Einsatz kommt)?

Falls dem so sein sollte – und da je mehr desto besser ist, muss man es konsequenterweise so auffassen – können die vor uns niemals so gut sein, wie die nach uns (und wir ebenso nicht, haben die nach uns doch den Vorteil, rückblickend auf die Kunstgeschichte mehr zu lernen als wir). Ein Picasso, der seine eigene Stile entwickelt hat, kann also überholt werden von Unsereins, da wir ja schon seine Stile kennen und mit oder gegen sie arbeiten können! Wie Töricht! Aber wenn die Erfahrung so dermaßen wichtig sein sollte, muss man sich mit solchen Aussagen auseinandersetzen. Wenn wir konsequenterweise in der Geschichte zurückgehen, müssten die älteren Künstler immer weniger gut werden, konnten sie doch gar nicht den Erfahrungsschatz besitzen, den die Menschen nach ihnen theoretisch im Besitz haben konnten. Die Steinzeitmalerei ist demnach der letzte Dreck – das sollten wir uns erst gar nicht ansehen!

 

Aber Moment! Etwas haben wir da anscheinend vergessen, so bösartig können wir doch nicht weiter philosophieren! Mmh, mal sehen. Was macht die Stars der Kunstszene seit Erfindung der Kunst aus? Nennen wir es Zeitlosigkeit und umgehen mit diesem Begriff die ganze wehleidige Diskussion!

 

Ein Mensch, der, seine Technik beherrschend, seine Visionen – das ist Stil und Inhalt, diese sind bestimmt durch sein Umfeld, seine Gedanken, seine Gefühle und (jetzt kommt doch wieder die Krux!) seine Erfahrung – unter reichlicher Einwirkung seines persönlichen Geschmacks in eine bestimmte Form bringt, der kann erfolgreiche Kunst schaffen; angenommen er ist mit Passion, Zielstrebigkeit, Perfektionismus und Aufrichtigkeit bei der Sache.

Uiuiui, das schreit nach einem Lexikoneintrag, so gehoben habe ich das hinbekommen!

Und damit nicht jeder Dahergelaufene sich jetzt für einen Künstler hält, fügen wir noch eine letzte Zutat der Liste hinzu: Talent!

 

 

Ob ich jenes besitze ist eine andere Frage, aber das wäre doch wenigstens eine klare Ansage meiner Gesprächspartner: „Lass es sein! Hast sowieso kein Talent!“

Dann müsste ich mich wenigstens nicht schämen, schließlich kann man da wirklich nichts machen! Zumindest muss ich mir nicht alle Filme der Welt (und insbesondere von meinem Gegenüber als wichtig erachteten) ansehen bevor ich ans Werk darf.