II.Re.:Das Geständnis eines verbitterten Antwortgebers

Which way to choose by Manuel Mousiol

Which way to choose by Manuel Mousiol

 

Man kann sich schon klein, unwichtig und unbeachtet fühlen in unserer Zeit, in der doch so viele groß, anscheinend wichtig aber auf jeden Fall sehr beachtet sind. Wir lesen Zeitungen, die doch zu offensichtlich politisch subjektiv gefärbt sind durch einen Redakteur/Autor, dessen Hintergrund wir nicht kennen.

Ist er denn genügend gebildet?

Woher kommen seine Ansichten?

Und wieso kann er mir nicht einfach die Infos erläutern, ohne mich beeinflussen zu wollen?

Da finde ich die Stars und Blogger, deren Einträge re-tweeted, ge-liked, ge-shared (& re-shared!) und millionenfach kommentiert werden, doch um Meilen besser – da wissen wir wenigstens, dass sie Idioten sind, auf deren Meinung wir verzichten können.

Nichts destro trotz scheint es für unsere Generation doch so einfach und auch wichtig zu sein, wichtig zu sein (aber nicht einfach zu sein; aber doch einfach wichtig zu sein!).

Wenn man da mal reinkommt, kommt man in den Genuss, dass die eigene Meinung für voll genommen wird. Auch dann kommen ja bösartige Hashtags – aber das Gute an diesen ist die schiere Anzahl im Gegensatz zu den wenigen Hashtags auf Bezug eines Niemandes! Bad press ist better than no press! Aber es entstehen wohl auch anregende Diskussionen. In jedem Fall weiß man um die eigene Wichtigkeit. Da macht es doch Spaß, seine Meinung zu sagen, Fragen zu beantworten und diese Antworten mit Genuss in die weite Welt zu tragen!!

Schließlich war es schon immer so, dass wir Menschen lieber Spiegel-Interviews lasen als unserem Saufkumpanen in der Kneipe zuzuhören (oder auch nicht…das kommt wohl auf viele Faktoren an – eine interessante Frage für eine Studie über Spiegel-Leser und Kneipentrinker). Wie dem auch sei: entweder wir reden beim Stammtisch oder wir schreiben beim Feuilleton.

Auch ich würde mich definitiv eher sehr viel früher als später von dem Austausch auf Stammtisch-Niveau distanzieren. Doch was unterscheidet eben von Aussen, also ganz oberflächlich, gesehen dieses Niveau von einem (Online-) Zeitungs- oder (iPad-) Magazin-Artikel?

Antwort (oho! Ich traue mich Antworten zu geben): Die Präsentation (Ausstellung auf einer prominenten Plattform) und/oder das eigene Curriculum Vitae (Wissen, Orden, Zertifikate, Gummipunkte). In die letzte Kategorie fallen auch seit kurzem hohe „consumer-stats“ des Youtube-Channels, WordPress-Blogs, Twitter-Kanals &c. pp.

Nun gut, das erfordert natürlich relativ viel Arbeit und Disziplin (wenn wir mal von den Glücksraben absehen, die ohne viel Zu-Tun populär werden – und dann auch gleich so schnell wieder verschwinden oder den Weg nehmen, der hier sogleich beschrieben wird): Man muss entweder sehr sehr sehr sehr viel lernen und studieren (Intelligenz ist dabei wohl in gutem Umfang eine Unverzichtbarkeit), um seine Stellung als Antwort- und Meinungs-Geber zu begründen; man sollte also auf anderen Felder schon etwas erreicht haben. Das gleiche gilt für die consumer-stats. Abgesehen von der Arbeit, die man in soziale Netzwerke und in die Verdaulichkeit seiner Beiträge für die Masse stecken muss, könnte man sein Können auf einem gewissen Gebiet beweisen (die meisten Achievements in der kürzesten Zeit bei Spiel X auf Konsole YZ; Profi bei der Maniküre, Talent in Grafikproduktion &c. pp.).

Aber dann! Ja dann! Hat man die Aufmerksamkeit auf sich gerichtet und kann es genießen zu Antworten und zu prägen und zu kommunizieren!

Im Grunde hat sich seit Beginn der Menschheit nichts geändert. Heute sehen wir nur nicht die Notwendigkeit von harter Arbeit und Disziplin und Geduld, um dahin zu kommen, wo wir wollen; denn es scheint ja alles – oh! – so einfach zu sein. Wenn man weiß, dass es nicht so einfach ist, dann kommt die Resignation entweder viel früher oder gar nicht. Das wäre doch viel angenehmer, nicht wahr?

Doch so oder so muss man auch dann – wenn es uns gelingt, in der privilegierten Stellung zu sein, dass unsere Meinung angehört und kommuniziert wird – all seine Kräfte zusammen raufen, um dieser Meinung einen Wert zu geben.

Denn Platz für Meinungsäußerungen geht niemals aus, doch der Platz für Meinungen, die einen positiven Unterschied erwirken in dem Denken Anderer (ja, das sind immer Andersdenkende), scheint begrenzt. Ich bin der Überzeugung, dass jeder die Möglichkeit hat, durch seine Kommunikation etwas zu bewirken, etwas zu ändern. Wenn man das wirklich will, findet man Mittel und Wege – dass diese ein paar Worte und Button-Klicks entfernt sind, ist eine Fata Morgana. Wenn man das nicht erreichen will…naja, dann muss man in der Tat nicht in der Pflicht stehen, etwas sagen zu wollen.