II.Re.:Vom ersten Moment an

The old place - by Manuel Mousiol

Sie stand im grellen Licht und versuchte ihrer blassen Haut mehr Farbe zu verleihen – ihr weisses Antlitz war ihr zu wider geworden. Weiss auf Gelb, weiss auf gelb, weiss-gelb.weiss.gelb. Dass ihr die gelbe Sonne dabei helfen sollte kam ihr keineswegs ironisch vor. Aus der Finsternis ragte manchmal seine Fingerkuppe, in der Hoffnung, sie zu fassen. Doch auch wenn sie mehrere weite Zentimeter davon entfernt war, sie zu berühren, zuckte sie immer auf und bewegte sich etwas von dem Schatten davon, ohne jedoch ihren Platz zu verlassen – vielleicht hier und da ihre kleinen Füße etwas anhebend und wieder auf die gleiche Stelle setzend.

Aber in anderen Momenten gab sie sich ihm hin, wartete sogar mit einer gewissen Erregung darauf, dass seine langen Finger an dem Reißverschluss ihres Kleides zogen, um es ihr unbeholfen von dem Körper zu ziehen. Nicht, dass jemals etwas passieren würde, aber so war das Spiel zwischen den Gezeiten – und am interessantesten war es doch schon immer, wenn der ewig brennende Ball und dessen Licht reflektierende Gestein-Kugel zugleich auf der Leinwand zu sehen waren. Das musste sie sich immer wieder sagen, immer wieder und wieder, wieder.wieder,wieder. Es war besser so, ja das war es. Sonst hätte sie sein Gesicht schon längst in roten Farben gemalt, hätte die lederne Haut mit dem rauen Messer abgerissen. Aber seine verschreckten, trockenen Augen konnte sie nicht ertragen, obwohl sie sich diese schon oft genug – sogar mit einer gewissen Erregung, sogar mit einem gewissen Genuss – vorgestellt hatte.

Es war nicht so, dass sie nicht das nagende Bedürfnis hatte, mit einer anderen Person über die zwei Flussseiten zu reden, über die in jedem Falle im Dorfe diskutiert, gesprochen, gelästert und mokiert wurde. Doch was sollte das schon zur Folge haben? Was sollte das eine oder andere schon zur Folge haben? Und wenn es Folgen gab, was sollten diese schon zur Folge haben? Ja, sie war von einer bestimmten Schönheit und vielleicht nicht ohne Talent – das sollte noch erforscht werden, denn definieren konnte sie es mit Gewissheit nicht. Aber was hatte das alles über dies zur Folge? Und so sprach sie mit den Tieren und Gegenständen und in Ruß und Staub bedeckten Überresten im Haus und er verstand es als Konversation und antwortete ihr, wenn er den Mund aufkriegte und mehr als ein helles Geröchel dabei herauskam. Verstehen konnte sie ihn meist ohnehin nicht.

Es war nicht so, dass sie es nicht versuchte oder wollte, aber ihre Irrung wäre gewesen, dass er sich ebenso für sie interessierte. Doch sie wußte um das Gegenteil, vielmehr um den Fakt, was er sich eigentlich vorstellte und in ihr suchte, oder von dem, was noch vorhanden war.  Sie hatten wahrscheinlich beide nicht das Gefühl, dass Verstehen von Nöten sei. Es gibt zwei Arten von Verstehen und vielleicht noch ein Dutzend mehr. Jedoch hatte sie unweigerlich schon viele Tränen vergossen aus diesem Grunde, aber bei jedem Mal, dass sie aus dem Haus stürmte, durch die Flecken von Licht und Schatten unter den riesigen Walnussbäumen, wurde es ihr Bange ums Herz. Es wurde eingedrückt und eingezogen, sie konnte es sich nicht ausmalen auch nur an das andere Ende des Tales zu gehen. Schweisstriefende Hände und feuchte Wimpern. So bat sie ihn dann immer um einen Spaziergang und zog ihn an seinen langen bleichen Fingern, seine Maske mit ihren Blicken umgehend.

Denn vom ersten Moment an, von dem Augenblick da er sie in das geerbte, kalte, vermoderte, hundert Jahre alte Haus getragen hatte, von diesem Zeitpunkt an war ihr irgendwo in ihrer verstoßenen Seele bewusst, dass sie endlich ein zu Hause gefunden hatte und nach dem „und“ folgte nichts.