I.Das Geständnis eines verbitterten Antwortgebers

Daneben

Menschen, die alles sagen möchten, sind seltsam. Warum denn alles sagen müssen, warum nicht einfach aufschreiben? Im Internet wird der Platz für Meinungsäußerungen jeder Art nicht ausgehen, und wenn doch, dann hat das keine größeren Konsequenzen, als dass Texte gelöscht werden. Würde man Menschen Wahrheiten sagen, hätte man keine Möglichkeit, diese wieder zurückzunehmen, ohne diesen Menschen nach ihrem Leben zu trachten. Dafür möchte ich nicht verantwortlich sein. Außerdem: Meinungsfreiheit bedeutet immer und ohne jede Ausnahme die Freiheit des Andersdenkenden. Ich muss nicht für diejenigen kämpfen, die das schreiben möchte, was ich schon niedergeschrieben habe. Ich werde sie womöglich verklagen, wegen Urheberrechtsverletzung. Ja, ich gestehe ein, so etwas zu schreiben, fällt mir leicht, denn ich weiß, ich werde für niemanden eintreten müssen. Heute begründen Leute keine Positionen mehr. Sie sind damit beschäftigt, beleidigt zu sein.

Ich versuche nun schon seit Wochen, in einem zusammenhängenden Text darzulegen, wie es ist, wenn man nichts mehr zu sagen hat. Auch möchte ich gerne aufzeigen, warum ich das Gefühl habe, nichts mehr sagen zu wollen. Natürlich ist mir das bisher nicht gelungen. Ich bin selbst verwundert darüber, dass diese Sätze mir gelungen sind. Denn die erste Aussage ist eine Lüge, die zweite die Wahrheit. Es gibt noch vieles, das ich sagen könnte. Aber der Elan dazu fehlt mir. Es ist ja nicht so, dass ich häufig nach meiner Meinung gefragt werde. Oder überhaupt. Warum auch, das hat man heute gar nicht nötig, dafür gibt es Experten, und wenn man es nicht schafft, in diesen Kreis aufgenommen zu werden, kann man Blogeinträge verfassen. Wie gesagt, im Internet wird der Platz nie knapp, ganz anders als z.B. in einem Land. Mit etwas mehr Bestätigung im Job oder im Privatleben könnte ich ein ungesund aufgeblasenes Ego entwickeln und auf den Gedanken kommen, Leute würde sich für meine grenzwertigen Meinungen zur Integration, Emanzipation und zum Euro interessieren. Das wäre natürlich ein gefährlicher Trugschluss. Denn als Reaktion würde ich keine Widerlegung in Textform erhalten, sondern viele Tweets mit zornigen Hashtags.

Dafür kann man viele Gründe nennen. Die Platzbeschränkung bei Twitter (apolitische Erklärung), schlechte Schulbildung (Totschlagargument der Linken) oder die Zensur der politischen Korrektheit (Obsession der Konservativen). Zurückblickend wird mir jetzt einiges klar. Früher hatte ich in meinem Kopf viele Frage. Diese habe ich in etlichen Selbstgesprächen erfolgreich beantworten können. Manchmal waren an diesen Gesprächen auch Redakteure des Spiegel-Online beteiligt. Da dieser Interviewer aber schon immer fiktiv gewesen sind, sind mir eines Tages einfach die Fragen ausgegangen. Und da ich die Außenwelt mit meinen Antworten bisher nicht befrieden konnte, musste ich früher oder später feststellen, dass die Fragen sich zu wiederholen begangen. Und ich habe keine Lust mehr, die Antworten immer wieder im Kopf durchgehen zu müssen. Mir ist klar, dass ich mich in meinen Ausführungen widerspreche, aber das kann ich getrost ignorieren. Ich werde mich wohl kaum rechtfertigen müssen, denn im Internet gibt es noch genug freien Speicher, und außerdem habe ich nichts geschrieben, das eines Hashtags bedarf. Ich befinde mich also auf der sicheren Seite.

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