I.Vom ersten Moment an

Moment

Er lag zwischen den Schatten, und die Schatten waren groß und rund und hatten doch keine bestimmte Form, denn er lag zwischen ihnen und griff mit geschlossenen Augen nach ihr. Sie lag irgendwo in unmittelbarer Nähe, davon war er überzeugt, also griff er in die Dunkelheit hinein. Er wohnte in einem kleinen Haus in einer breiten Straße. An seinen Händen hingen überproportional lange Finger, und wenn Nachbarn oder Unbekannte sein Haus passierten, spitzte er die Ohren zu und seine Mundwinkel verzogen sich nach oben, dort, wo der Himmel immer blau war und die Wolken nie einen Boxenstopp machten. Früher trug er eine weiße Maske, die sein Gesicht nicht bedecken konnte, und er stand immer an der Hecke, die über den kleinen Zaun wuchs und ihn vollständig bedeckte. Sein Haus war klein, und am Horizont thronten hohe Wolkenkratzer, die er mit Verachtung gustierte. Seine Mutter hatte einen unförmigen Kopf und hielt ihn schief in ihren zittrigen Armen, sodass er schnell einen verschrobenen Blickwinkel auf die Welt entwickelte. Die Spucke in den Mundwinkeln fiel nicht selten nach oben und in einem Lied taten das sogar Tränen. Ungläubig schüttelte er deswegen seinen Kopf, und die weiße Maske kratze ihn hinter den Ohren, und sein Pulsschlag hämmerte unaufhaltsam in Körperteilen, die kein Blut benötigten. Er lag zwischen den Schatten, und die Schatten bewegten sich um seinen Körper, und er wusste, dass sie in seiner Nähe lag, entweder in einem Stück oder in unfassbar vielen, aber das hatte er nicht zu beurteilen.

Einst fand er die richtigen Worte und schrieb sie nicht nieder. Die Tinte lag vertrocknet in Ecken. Er stand am Fenster seines kleinen Hauses und hielt Ausschau nach dieser einen Frau, die sich nach vorne bewegte, wenn sie rückwärts ging, und er musst laut lachen, wenn sie ihr dunkles Haar über die Schulter warf. Sie sprach mit ihren Händen, denn Worte waren ihr zu ungenau, und er hätte sie so gern von der einen Ecke in die andere getragen, über die verstaubten Dielen, unter denen Schlangen wohnten und auf die nächste Woche warteten. Er versuchte das Problem mit Musik zu lösen, doch die Fenster standen weit offen und nur wenige Noten drangen zu seinen Ohren. Er hatte so verdammt vieles vor und tat doch mehr, als er sich vornahm. Diese weiße Maske gab es nicht. Was er für eine Maske hielt, war seine Haut. Und seine Haut war trocken und fremd und lag irgendwie falsch, wie eine Brücke, die zwei Flussseiten verbinden sollte, aber nur in der Luft hing. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch sie häufig an der Decke hing, während er entsetzt unter ihr stand und nach ihren Beinen griff. Sie trug dann ein kurzes Kleid und wusste Bescheid. Die Decke war kein Ort für Spielchen dieser Art, doch sie schwang sich nach links, und ihr Haar flog nach rechts, und ihr Kleid konnte nicht ausweichen. Ihr Körper war straff und stark und ließ sich nicht unterkriegen. Sie war von außerirdischer Schönheit, und es gab keinen Gott, der ihr nicht verfallen war. Sie zündete sich Zigaretten an, aber rauchte sie nicht. Sie sagte, das Rauchen sollte jemand übernehmen, der dafür Zeit hat. Er lief ihr hinterher und saugte ihre Spucke aus den ungerauchten Zigaretten. Sie schmeckte nach Zitrone oder etwas anderem, das ihn umbringen würde, und das nicht weniger fremd auf der Erde war als sie.

Ihre Brüste warfen perfekte Schatten. Er lag zwischen ihnen und nach dem und folgte nichts. Sie machte das natürlich absichtlich. Sie war klein und beweglich, und wenn er sie in die Luft hob, sagte sie, das sei nicht hoch genug. Vieles davon war anrüchig oder schien zumindest so für Außenstehende, die das besser beurteilen konnte. Sie wussten genau, was da vorging, und wann die Sonne untergehen sollte. Sie klopften an seine Tür und erklärten verwundert, dass sein Gesicht nun einem anderen glich. Er beruhigte sie mit bekannten Floskeln und deckte sich vorsichtig zu. In dieser Dunkelheit war sie groß und entsprach einem bestimmten Bild, das er von ihr hatte. Sie war natürlich etwas, das ihm entweder fehlte oder das er in Überfluss hatte. Sie kam häufig vorbei und sagte nichts und schwieg, und er hatte Angst, ihr in diesen Momenten zu widersprechen. Er liebte sie vom ersten Moment an, und sie hasste ihn, und wenn sie ein stumpfes Messer in der Hand hielt, wusste er Bescheid. Was so angefangen hatte, wollte so auch ein Ende finden.

 

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