III.RE.:AUF DER ANDEREN SEITE DES FENSTERS

05:42:23
Auf dem kleinen Glastisch befand sich eine Schüssel mit Obst. Die Schüssel war auch aus Glas, weswegen man die Perfektion bewundern konnte, mit der das unterschiedliche Obst platzsparend in den Behälter gelegt wurde. Zuerst die strahlend roten Apfel, auf ihnen die langen und fruchtigen Birnen und zum Abschluss die robusten und hellgelben Bananen. Neben der Schüssel lag die Fernbedienung und neben dieser mehrere Frauenzeitschriften, die einen unbenutzten Eindruck machten. Es waren genau drei Zeitschriften und sie lagen nicht perfekt aufeinander abgelegt, sondern marginal verschoben, aber dieser angedeutete Chaos war künstlich und gewollt von der Person so erzeugt, die sich die Zeit nahm, diese Unordnung entstehen zu lassen. Wir wollen Zeichen sehen.

An der Wand gegenüber der Terassentür hing ein großes Gemälde. Die Sonne schien durch die geöffnete Terrassentür und warf einen erbarmungslosen Strahl auf das Kunstwerk, das eine Naturlandschaft des 19. Jahrhunderts zeigte. Das Gemälde zeigte einen wild rauschenden Fluss, der ein grünes Tal in zwei Hälften spaltete. An jeder Seite des Flusses standen Menschen in der üblichen Tracht der Zeit und hielten sich an den Händen. Sie winkten sich zu, und einige gaben sich dem Tanz hin. Kinder warfen kleine Steine in das Wasser, und Hunde rannten um die anwesenden Menschen herum, und ältere Herren küssten jüngere Damen, und ältere Frauen lasen Bücher, die junge Burschen hochhielten.
05:23:16

“Ja, mach sie auf, dann geht es dir besser!”
05:22:15

In der Ecke, neben der großen Terrassentür, hockte eine überraschend großePflanze, die bis zur Decke reichte und einen fast bedrohlichen Eindruck erweckte. Sie war nicht echt, sie wurde aus einer besonderen, neuartigen Plastik hergestellt, die es für das menschliche Auge unmöglich machte, den Unterschied zu erkennen. Die Blätter ähnelten denen einer Kastanie, und die rötlichen Blüten waren Rosen nachempfunden, doch in niedlich kleiner Größe. Natürlich glaubte Phaidon, dass es sich um eine echte Pflanze handelte, und er bewunderte die gesunde Farbe der Blätter und die entzückende Größe der Blüten. Er erinnerte sich an die Pflanzen seiner Mutter und ihre Unfähigkeit, sie lange am Leben zu halten. In seiner Hand hielt er noch immer das Glas mit dem fast ausgetrunkenen Eistee. Die kleinen Wassertröpfchen auf seiner Haut stammten entweder vom gekühlten Glas oder waren Schweiß.

Sein Smartphone vibrierte nun fast ununterbrochen in seiner Hosentasche. Anrufe wechselten sich mit Kurznachrichten ab. Sein Interesse an deren Inhalt stieg leicht.

05:08:16
Aus einem unerfindlichen Grund musste Phaidon an Niklaus denken. Er dachte plötzlich an vieles aus seiner Vergangenheit und sein hämisches Lächeln im Gesicht erfuhr alsbald eine ganz andere Bedeutung. Im Haus seiner neuen Nachbarn wurde es langsam Dunkel. Der Tag näherte sich dem weniger verdienten Ende. Er hatte die Augen zugemacht und achtete auf die Geräusche um ihn herum. Er glaubte, dass er die Vibration des Smartphones hören konnte. Er griff nach dem Gerät, zog es aus seiner Hosentasche raus und warf einen leicht genervten Blick auf das Display. Die letzte Nachricht lautete: “Ich warte hier auf dich!” Die angezeigte Nummer des Absenders war ihm unbekannt. Er löschte die letzte Nachricht und öffnete die ältere: “Glaub ihr nicht, sie lügt. Darin ist sie gut.” Wieder die unbekannte Nummer. Die zahlreichen Kurznachrichten von Niklaus löschte er, ohne sie gelesen zu haben. Er leerte die Liste der entgangenen Anrufe und widmete sich den letzten zwei Nachrichten. “In diesem Haus bist du nicht sicher. Verschwinde von dort.” Seine Hand war kalt und der erhitze Akku seines Smartphones ein Geschenk des Himmels. “Du kennst mich nicht, aber meine Mutter schon. Ich bin auf Pennys Feier. Ich will dir helfen”

05:04:08
Das Haus war ein Gefängnis. Anstelle von Gittern hatte es große, breite Fenster und tief hängende Vorhänge. Phaidons Augen waren nun weit aufgeschlagen. Er schnappte nach Luft und ließ das Glas fallen. Es berührte den Boden und zerbrach nicht. Wie vieles in diesem Haus war auch dieses Glas künstlich und nicht aus Glas, sondern aus Kunststoff. Der Unterschied war schwer zu sehen und noch schwerer zu erfühlen. So ganz klar sind die Dinge nicht.

“Ist das gut? Gefällt es dir so?”

 

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