II.Re.:Auf der anderen Seite des Fensters

I like how I dressed up today by LhampSter Poon Sanita via Flickr.com

Er machte sich keine Versprechungen; hatte er sie sich jemals gemacht, wurden sie nicht erfüllt, hätte er jemals gehofft, würde er doch enttäuscht; und so wie es jetzt lief, konnte er sich nicht über sein Leben beschweren – im Gegensatz zu seinem Freund und Langweiler Niklaus, dachte er sich und nickte unbewußt in Richtung Pool, wo Draußen die Bäume anfingen im Wind zu wiegen und plötzlich wurde es gefühlsmässig sehr kalt in seinem Zimmer, obwohl die Klimaanlage nicht an war und es Draußen mindestens 30 Grad sein mußten.

6:00:24. Er machte sich auf den Weg in das wärmere Draußen, während er noch über die Vorgehensweise des großen Auftrags nachdachte, der in 6 Stunden erledigt sein sollte, und für den er die bisher größte selbst erarbeitete Summe Geld seines Lebens erhalten sollte, falls er seine vollständige Arbeit der letzten zwei Jahre diesem neureichen Spieler – der wahrscheinlich vielbschäftigter Bänker war – erfolgreich zukommen ließ. Die letztendliche Aufgabe bestand nun nur noch, in das MMO-Spiel einen harmlosen Code einzuflößen, um es denken zu machen, der eine Account wäre ein anderer, so schnell wie möglich, diesen anderen Account mit einer gültigen Kreditkarte zu erstellen, die Eigenschaften und Historie seiner Spielfigur zu transferieren und den Code unbemerkt zu entfernen. Er hatte dies schon einmal paarmal mit weniger wichtigen Spielfiguren getan – falls man auf dem neuestens technischen Stand bliebe, war es ein Leichtes. Auch hatte er keine großen Probleme, das Leben der letzten zwei Jahre, das in seiner Spielfigur steckte, jemand anderem zu übergeben. Seine Käufer hatten – im Gegensatz zu ihm – die Erwartung einer, ja irgendeiner, Erfüllung, die durch den Spaß einer unvorstellbar hochentwickelten Spielebene daherkommen würde. Sie würden ohne Probleme und Angst, ohne nennenswerten Adrenalinausstoß, metzeln, fortschreiten und gewinnen – während Phaidon bei Null anfangen würde – im Austausch von Geld, mit dem…

5:58:01. Zwischen ihnen gab es keinerlei Begrenzungen, so dass ein riesiger Garten, feingemähtes Gras, Weidenbäume, zwei Pools hinter den beiden Nachbarhäusern sich auftaten. Er hatte ein paar Schritte in Richtung der neuen Nachbarn getan und starrte nun auf die Liege, auf der nur noch das gelbe Badetuch der hübschen Tochter lag, und er sagte sich „Später“ und für einen Augenblick war sein Blick gefangen in den ruhigen Spiegelungen und Brechungen des künstlich wirkenden Navyblue-farbigen Wasser, doch dann roch er auf einmal Vanille und Chrysanthemen und hörte „Hi“ von rechts.

„Du musst der Sohn sein? Wir sind gerade eingezogen – ich heisse Aisa.“

„Phaidon.“

„Es ist heiß, möchtest du nicht reinkommen?“ Ihre Hand berührte seine Schulter. „Ich habe gerade Eistee gemacht. Freut mich, dass wir uns gleich kennenlernen können.“

Er nickte und sogleich bewegten sie sich in Richtung des renovierten Familienhauses. 5:55:43. Er war schon öfter in dem Haus gewesen, es hatte sich nichts nennenswert verändert, im Gegenteil war alles, wie man es nach einer mehr oder minder aufwendigen Renovierung erwarten würde; die Räume wirkten größer, weisser, moderner in Farbe und Materialien, mit neuen technischen Spielereien an Wänden und in der Küche. Nur die verschiedenen Farben der Türen – rot, silber, schwarz – hätten ihm auffallen sollen, wäre er nicht gefangen gewesen von dem tiefblauen Punktmuster auf ihrem gelbem Rock, der ihr nicht bis zu den Knien hinunter reichte, und den Falten um ihren Po und dem eindringlichen Duft von taiwanesischem, aromatisiertem Oolong-Tee.

„Es ist heiß draussen, du hast seit heute frei – was machst du zu Hause? Irgendetwas muss doch abgehen!“ Sie schenkte ihnen zwei Gläser orange-roten Eistee ein und lächelte ihn an, während sie ihm eins davon reichte.

„Eine Party, in ungefähr 6 Stunden.“ Sein Smartphone vibrierte in diesem Augenblick, doch er hielt es in seiner Hosentasche fest, damit kein Geräusch entstehen würde. „Man sagt, sie sei sehr wichtig.“

„Natürlich ist sie das.“ Ihre blaue Augen waren klar wie eine Nacht weit ab von der Zivilisation während sie lächelnd ihre gerichteten und gebleichten Zähne zeigte. „Dein Date wird das sicher auch so empfinden.“

„Ich habe kein Date.“ Er nahm einen Schluck von dem Eistee – ein intensiver süßer und würziger Geschmack breitete sich in seinem Mund aus; die Cola von vorhin kam ihm schal dagegen vor. „Und ich bezweifle, ob ich hingehen werde.“ Als Geste seiner Verachtung brach er den bisher gehaltenen Blick zwischen den Beiden ab und ließ ihn durch die offene high-tech Küche und das Kino-artige Wohnzimmer schweifen und bemerkte nun, dass durch die 7.1 Sound-Anlage die letzten Strophen von „The Sounds of Silence“ zu hören waren – and the people bowed and prayed, to the neon god they made – und plötzlich spürte er die wohlbekannte Mischung aus Verbitterung und Traurigkeit und die Kälte des Eistee-Glases in seiner Hand, die sich in ihrem Griff verkrampfte; und Bilder in Zeitlupe von tiefrotem Eistee, der durch das zersplitterte Glas über seine Hand lief und auf den Boden – plitsch-platsch – aufkam; und er nahm noch einen großen süßen Schluck und sah Aisa an und zeigte ein perfektes Lächeln, das er ab und zu im Spiegel übte. 

„Na dann kannst du mir ja vielleicht Gesellschaft leisten. Frisch eingezogen und schon alleine!“ Sie bewegte sich in das Wohnzimmer und setzte sich auf einen hellen, glänzenden Ledersessel während sie redete, auf den Tisch aus gebleichter Weissbuche den Eistee abstellend, der nun heller und leichter wirkte vor dem weissen Hintergrund. „Meine Tochter ist auf eben solch einer Party und mein Mann…“ Aisa machte eine Pause und zupfte an ihrem Rock zurecht, wobei Phaidon nicht recht einschätzen konnte, ob man dadurch mehr oder weniger von ihren rasierten, hellhäutigen Beinen zu sehen bekam. „Mein Mann kann sein Versprechen noch nicht einhalten, das Home-Office schon jetzt einzurichten.“

Er bemerkte eine Ausgabe von „50 Shades of Grey“ auf dem Tisch neben dem Eistee und sagte mit einer nickenden Geste zu dem Buch „Ich sehe, Sie haben genug Unterhaltung -“ dann zu dem riesigen Flachbildschirm – „wahrscheinlich für den Rest Ihres Lebens!“

„Ach bitte! Sieze mich nicht! Da fühle ich mich so alt!“ Und dann lächelte Aisa wieder, doch sie – ihr gelber Rock und ihre blaue Bluse mit orangenen Streifen, die ersten beiden Knöpfe locker offen, so dass sie nicht allzusehr in dem extremen Sommerwetter schwitzen musste – eingerahmt von gebleichten Dingen: Weiss, gelb und blau und dann ihre Zähne fast so weiss wie der Tisch. „Wir wollen Zeichen sehen, wo auch immer wir sie finden, Phaidon. Eine äußere und eine innere Verbindung. Wir bilden uns den passenden Soundtrack zu unserem Leben ein und meinen, dass Naturereignisse Spiegel unseres Gemütszustands seien. Doch so ganz klar sind die Dinge nicht, nicht wahr?“

Aisa rührte ihren Eistee um, die schwarzen Flocken des Tees kreisten um die Eiswürfel im Glas, in das sie starrte.5:49:26.

Phaidon ließ sich auf die Couch ihr gegenüber fallen und hielt das Glas an seine Brust gepresst, während erneut das Smartphone in seiner Hosentasche zu vibrieren begann.

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