I.Auf der anderen Seite des Fensters

Er verdiente sein Geld mit digitalen Waffen. Er war gut in seinem Job und machte Scherze darüber, dass das seine Berufung war. Seinen PC fuhr er nie runter und Zeitungsartikel, die das Ende der stationären Rechner ausriefen, benutzte er, um Zigaretten anzumachen, die er aus dem Fenster schmiss. Er rauchte nicht. Seine besten Konkurrenten stammten aus Asien, aus China und Südkorea.

Er war jung und nicht hässlich. Die meisten Spiegel konnten seine Attraktivität einfangen, ohne dass er einen bestimmten Winkel einnehmen musste. Seine Eltern waren natürlich wenig davon begeistert, dass er den ganzen Tag am PC verbrachte, aber sie verstanden, dass er Geld verdient. Sie hatten mehr Angst davor, dass er arbeitslos wurde und auf der Straße landete. Dann, wenn er wegzog und sein eigenes Leben begann. Er war sechszehn und ging nur selten feiern.

Die Nachbarn rechts von ihnen waren vor einem Monat ausgezogen. Seitdem stand das Haus leer, doch seine Mutter sagte ihm am frühen Morgen, am letzten Tag des Schuljahres, dass am Wochenende neue Nachbarn einziehen würden. Er zeigte nur wenig Interesse für dieses Gesprächsthema. Er mochte das alte Ehepaar, das früher dort gewohnt hatte. Auch fand er es tragisch, dass der Ehemann verstarb und die große Liebe seines Lebens alleine ließ. Es endete wie immer. Das Haus war plötzlich zu groß und mit Erinnerungen gefüllt, die Herzschmerz auslösten.

Er fragte: “Wer zieht ein?” Seine Mutter antwortete: “Ich weiß nicht.” Das klang seltsam in seinen Ohren, war doch seine Mutter die einzige Person auf der Erde, die alles wusste. Er trank seine Milch, rülpste und verließ das Haus. Manchmal war er jung und vulgär und nicht, dass sein Herz in Anwesenheit eines Mädchens nicht höher schlug, doch Worte waren nur selten seine Sprache, und daran musste er dringend arbeiten.

In der Schule herrschte Ruhe und Entspannung. Die Schüler freuten sich auf die Sommerferien und ließen sich die Vorfreude nicht von nervenden Lehrern verderben. Die Sonne schien, die Temperatur stieg und Schwimmbäder im ganzen Land füllten sich. Er saß neben seinem besten Freund Niklaus und starrte auf die leere Tafel. Das Handy in seiner Hosentasche vibrierte. Ihm war sofort klar, dass ihn eine wichtige Nachricht erreichte. Niklaus sagte: “Party bei Penny.” Er antwortete: “Geht nicht.” “Warum?” “Ich kann nicht.” “Warum?” Die Lehrerin stand an der Tafel und schwieg. Die Haare trug sie offen und ihre Hände in den Hosentaschen. Sie wollte etwas Wichtiges sagen, doch der bestimmte Gedanke war ihr plötzlich entfallen. Niklaus sagte: “Dieser Wahnsinn muss ein Ende finden.” Er entgegnete: “Alles, was Spaß macht, findet früher oder später ein Ende.”

In der Pause standen sie draußen unter einem großen Baum und rauchten. Sie hielten die Zigarette in ihrer rechten Hand, eingeklemmt zwischen dem Mittel- und dem Ringfinger, und zogen dran, wenn eine Lehrkraft vorbeiging. Es ähnelte der berühmten Szene aus einem bestimmten Film, den die Jungs nicht kannten. Niklaus sagte: “Worte können nicht beschreiben, was ich mit Penny machen würde” Sie standen im Schatten und doch lief ihnen der Schweiß ununterbrochen die Stirn runter. Er sagte: “Hitzefrei.” Die anderen nickten zustimmend. Niklaus sagte: “Es geht hier um mehr. Diese Party wird das Ereignis des Jahres.”

Sein Handy hatte nur noch wenig Batterie übrig. Er hielt es versteckt unter dem Tisch und las die Nachricht. Die Kurznachricht erhielt wichtige Informationen. Er las sie mit viel Konzentration und noch mehr Begeisterung. Die Lehrerin wusste, was er tat, doch sie ermahnte ihn nicht. Sie wusste, dass er ein begabter Junge war, und sie hatte in ihrer Freizeit gelesen, dass hochbegabte Kinder in einer Schule nichts zu lernen hatten. Der Inhalt der Kurznachricht überraschte ihn kaum. Sehr viel Geld war im Spiel, Geld, das leicht und ohne viel Aufwand zu verdienen war. Er dachte an Penny und an alles, was Niklaus mit ihr tun würde. Er wusste, sein bester Freund war ein notorischer Langweiler. Langweile war das Geschenk des Schicksals an ihn. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Sein Name war Phaidon, und weil er es hasste, bestand er darauf, dass das a und das i nicht als e gelesen wurden. In diesem Punkt ließ er nicht mit sich reden. Seine Freunde nannten ihn Don, und das duldete er, obwohl er keinen der “Pate”-Filme gesehen hatte. Die Haare ließ er immer so lang wachsen, dass sie die Ohren bedeckten und sein Gesicht ins richtige Licht rückten. Er mochte die besondere Symmetrie seines Gesichts, wenn die Ohren bedeckt waren. In der virtuellen Welt trugen seine Spielfiguren immer lange Haare.

Nach der Schule redete Niklaus von der Party bei Penny, und er hörte zu. Ihm war klar, dass er eines Tages nur jenes bereuen würde, dass er in seiner Jugend verpasst hatte. Dazu gehörten auch die Partys, die er sausen ließ. Aber er hatte diesen Zeitpunkt seines Lebens noch nicht erreicht, und er wollte der Zukunft nicht ihre Aufgabe streitig machen. Niklaus sagte: „Ich werde hingehen, und nichts wird mich dran hindern können. Meine Eltern nicht, du nicht. Ich bin bereit, ich fühle das.“ Sein bester Freund verzog das Gesicht und flüsterte mit tiefer Stimme: “Sex is, well nobody knows, but the saw, the saw is family.” Das Wort saw blieb lange in seinem Kopf hängen. Es hatte etwas Wellenartiges an sich und passte seiner Meinung nach nicht zum Gegenstand, das es bezeichnen sollte.

Als er nach Hause zurückkehrte, parkte der Lkw der Umzugsfirma “Move” bereits in der Einfahrt des Nachbarhauses. Die Fahrerkabine blockierte den Fußgängerweg, und verärgerte Nachbarn mit panischer Angst vor der Benutzung der Straße standen dort mit Armen gegen die Hüften gedrückt und staunten darüber, dass der Fahrer und die Auspacker nirgends aufzufinden waren. Auch er blieb wenige Augenblicke dort stehen, doch seine Anwesenheit blieb unbemerkt, und der Lkw konnte sein Interesse nicht wecken, also betrat er sein Haus. In der Küche klebte ein Zettel von seiner Mutter auf dem Kühlschrank. Er solle sich heute bitte alleine um das Essen kümmern, weil sie erst spät nach hause kommen würde. Wann sein Vater da sein würde, könne sie so recht nicht sagen. Da er bereits in der Schulmensa gegessen hatte, bereitete ihm diese Nachricht keine Sorgen.

Er ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Auf einem Fernsehsender ohne Logo liefen Nachrichten, und er sah so lange zu, bis er sich sicher sein konnte, dass fast Alles beim Alten geblieben war, seitdem er bereits gestern nachgeschaut hatte. Er schaltete den Fernseher aus, genoss für einen Moment die Ruhe des Hauses und ging dann auf sein Zimmer. Auf dem Bildschirm sah er bereits die ersten Anfragen ungeduldiger Spieler, die ihn mit überzogenen Forderungen bombardierten. Er schob die E-Mails in den Ordner “Später” und richtete sich einen Countdown-Zähler ein. 08:00. Schnell checkte er einige Internetforen, las widersprechende und wütende Meinungen über dieselben Dinge und kehre dann wieder in die Küche zurück. 07:55.

Aus dem Kühlschrank holte er sich eine Cola-Dose und öffnete sie. Nur beiläufig schaute er aus dem Fenster und bemerkte, dass das Schwimmbad der Nachbarn wieder mit Wasser gefüllt war. Die alten Leute hatten ihn die letzten drei Jahre nicht mehr in Benutzung gehabt. Er trank seine Cola und schaltete den Anrufbeantworter ein. Er wollte heute nicht gestört werden. 07:45. Mit der schon fast leeren Dose in der Hand ging er die Treppe hoch, betrat sein Zimmer und ging zum Fenster an der Nordwand, von dem er einen guten Blick auf das Schwimmbad hatte. Das Wasser glänzte in der Sonne und machte einen frischen Eindruck. Trotzdem wirkte das Schwimmbad verlassen. Das hektische Klingeln des Handys riss ihn aus den Gedanken, in die er versunken war. Auf dem Display stand der Name Niklaus. Er druckte den Anruf weg. Plötzlich bemächtigte sich die Müdigkeit seines Körpers.

06:30. Lauter Lärm von draußen weckte ihn. Er hörte Männer laut reden und sich Instruktionen zuwerfen. Der Motor des Lkws sprang an und das kreischende Geräusch bereitete sich wie eine unaufhaltsame Welle durch die Nachbarschaft. Noch immer müde und keineswegs ausgeschlafen stand er fluchend aus dem Bett auf und schlenderte zum Fenster an der Ostwand. Er erblickte die Auspacker, wie sie fleißig die letzten Möbeln aus dem Lkw in das Haus trugen. Vorne an der Fahrerkabine stand ein etwas besorgt dreinblickendes Ehepaar, das er nicht kannte und instinktiv für die neuen Hausbesitzer hielt. Beide waren Ende vierzig, sahen gepflegt und attraktiv aus. Sie unterhielten sich mit einem Arbeiter, der keine Möbeln schleppen musste. Die Frau nickte kontinuierlich. Der Ehemann hörte konzentriert zu. Alles schien den Regeln entsprechend zu laufen.

06:25. Er saß an seinem PC und sah sich den Countdown-Anzeiger an. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Sekunden nicht angezeigt wurden. Er rieb sich die müden Augen und suchte in den Einstellungen nach Sekunden. Er trug ein blaues T-Shirt, auf dem in weißer Schrift geschrieben stand: Ich kann auch anders – aber noch nicht heute! Im Hintergrund hörte er, wie der Fahrer Gas gab und der Lkw sich in Bewegung setzte. In der unteren rechten Ecke des Bildschirms blinkte eine blaue Anzeige auf. Als er mit dem Mauszeiger darüber fuhr, erschien die Nachricht: “Was ist mit der Party? Geh an dein Handy dran, wenn es klingelt.” Er drückte auf das rote X und die Nachricht verschwand. 06:20. Er griff nach der Cola-Dose, die auf dem Arbeitstisch neben der Lampe stand, nur um enttäuscht festzustellen, dass sie vollkommen leer war. Er schmiss sie in den Mülleimer. Der Tag war noch relativ jung, er war müde und hatte noch gut sechst Stunden totzuschlagen. Alle Zutaten waren da, um aus einem normalen Freitag einen besonderen zu machen, also machte er den Plan, die folgenden Dinge in der folgenden Reihenfolge zu erledigen: in die Küche gehen, neue Cola-Dose holen, austrinken und schlafen gehen. Das erschien ihm ein guter Plan zu sein. 06:10:42.

Er stand auf und schob den Stuhl unter den Tisch. Er tat das mit einer seltsamen Gründlichkeit, die ihn sehr selten überkam. Dann machte er sich auf den Weg und ging am hinteren Teil des Arbeitstisches vorbei, so dass er direkt das Fenster passierte. Aus dem Augenwinkel sah er das Schwimmbad und einen dunklen Schatten. Es bewegte sich um das Schimmbad und weckte sofort sein Interesse. Unverzüglich blieb er stehen und schaute genauer hin. 06:08:23. Eine junge Frau, ungefähr seines Alters, stand im Bademanntel am Rand des Swimmingpools und telefonierte über ihr Handy. Sie hatte lockiges, blondes Haar, das ihr bis zu den Schultern ging. Sie war guter Stimmung, denn häufig lachte sie und schob sich das Haar aus den Augen. Ihre blauen Augen strahlten Selbstvertrauen und Güte aus. Sie muss die Tochter sein, dachte er sofort. 06:04:16

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