V.RE:ALL GOOD NAYSAYERS, SPEAK UP!OR…

Ein Wort zur Güte: Bedenket die Maßstäbe!

Das Problem jeglicher Diskussion über Sachverhalte des zwischenmenschlichen Umgangs – gleich
ob es sich dabei um das unmittelbare Miteinander oder das große Ganze von Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft geht – ist die Frage der Maßstäbe. Was meine ich damit?

Kommt man – vor allem dann, wenn man wie ich ein notorischer Querulant ist – an dem Punkt an,
an dem sich völlig gegenläufige Meinungen unvermittelbar gegenüberstehen, so wird (von meinem
Gegenüber – nie von mir) die Subjektivität ins Spiel gebracht. Etwa in der Form: „Dies ist eben Deine
Meinung und ich habe eine andere.“ Überhaupt wird gern die vermeintlich notwendig subjektive
Perspektive bemüht, um Unvereinbarkeiten zu klären und zu rechtfertigen.

Ich akzeptiere eine solche Rechtfertigung nicht. Ich bin ein Schwarz/Weiß Denker. Es gibt für mich
nur richtig und falsch. Und ich beharre auf dem Punkt: Wer mich nicht eines Besseren belehren kann,
der hat Unrecht. Überhaupt fährt man mit einer solchen – wenn auch für das zwischenmenschliche
Miteinander wenig förderlichen – Einstellung recht gut. Denn das Beharren auf dem Punkt bei
gleichzeitigem Bemühen um Verständnis für die jeweils andere Argumentation, bewahrt davor der
größten Versuchung überhaupt zu widerstehen: Unsinn zu glauben, nur um der anderen Menschen
willen. Würden alle Menschen schon immer so verfahren, Nationalsozialismus und Islamismus und
Stalinismus und überhaupt alle Religionen hätten schlechte Karten gehabt.

Daher: Überzeugt mich oder seht ein, dass ich Recht habe!

Jemand, der nachvollziehbarerweise ohne unreflektierte Begeisterung für meine Person einen
solchen Imperativ liest, wird wohl in erster Linie kopfschüttelnd sich denken: Was will denn dieser
arrogante Schnösel? Gesteht er mir soviel Sozialität zu, dass ich nicht ohne jeglichen menschlichen
Kontakt auskomme und einsieht, dass dies nicht die pure Selbstgerechtigkeit und Arroganz ist,
sondern System hat, wird er vielleicht fragen: „Jaja, das mit richtig und falsch ist ja ganz nett. Aber ich
kann in den meisten Fällen nicht entscheiden wer recht und wer unrecht hat. Und ich glaube kaum,
dass gerade Du über die höheren Einsichten verfügst, immer entscheiden zu können, was richtig und
was falsch ist!“

Und diesem letzten werde ich entgegnen: Genau! Natürlich habe ich diese höheren Einsichten nicht.
Und es ist ja auch gar nicht so, dass so leicht zu entscheiden wäre, ob einer Recht hat oder nicht.
Denn das, was manche für Subjektivität halten ist kein privatimes Recht auf eine eigene Wahrheit.
Eine eigene Wahrheit gibt es nicht. Es gibt nur einen eigenen Standpunkt und dies im Wortsinne. Wir
führen diese Diskussionen über Politik und Wirtschaft immer von unterschiedlichen Standpunkten.
Wenn einer vor und der andere hinter dem Kölner-Dom steht und beide über den Stand der Sonne
reden, so ist es keine Subjektivität, wenn der eine sagt, die Sonne stehe links des Doms und der
andere rechts davon. Das ist schlicht eine Frage des Standpunkts.

So viel Lärm um Nichts? Natürlich weiß jeder, dass unvermittelbare Positionen auf unterschiedlichen
Standpunkten beruhen. Ja, natürlich weiß das jeder! Aber bedenkt es auch jeder?

Was ist das denn, ein unterschiedlicher Standpunkt?

Ein unterschiedlicher Standpunkt, eine abweichende Meinung ist nichts anderes als die Beurteilung
eines Sachverhaltes mit anderen Maßstäben. Da ist nichts subjektives, nichts privates, keine eigene
Wahrheit drin. Es ist wie mit allem: Entweder ich folgere aus den Maßstäben korrekt oder ich tue es
nicht. Hier gibt es keinen Zugang nur des Ichs zu der geäußerten Meinung. Es gibt nur die individuelle
Auswahl der Maßstäbe, an denen wir den Sachverhalt messen wollen.

Was hat es also mit unserem Disput über den Fortschritt auf sich? Ich glaube, wir benutzen das Wort
nicht gleich. Wenn wir unterschiedliches darunter verstehen, werden wir uns nicht auf ein Ergebnis
einigen können. Daher: Bedenket eure Maßstäbe!

Gut gebrüllt, Löwe! Aber was sind denn nun Deine Maßstäbe?

Na gut, wollen wir in Vorlage treten!

Fortschritt lässt sich leicht auf eine Formel bringen: Es ist die Zunahme an Handlungsmöglichkeiten
des Menschen bei gleichzeitiger Verringerung der für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen
Arbeit.

Was sind die Handlungsmöglichkeiten? Handlungsmöglichkeiten will ich verstanden wissen als
die Möglichkeiten eines beliebigen Individuums zur Umgestaltung seiner Umwelt, d.h. politische
Partizipationsrechte, Rechte für den Erwerb von Eigentum und auch die Möglichkeit dazu,
Gestaltungsrechte des eigenen Lebenslaufs und Freizeit. Analog bedeutet die Verringerung der
Reproduktionsquote den pekuniären Gewinn, das heißt den geringeren finanziellen Aufwand, der für
die Befriedigung der Primärbedürfnisse benötigt wird.

Und ich möchte behaupten: Wenn das der Fortschritt ist, dann haben wir permanent Fortschritt.
Offenbar sind die Partizipationsrechte aller Menschen gestiegen. Natürlich kann man aufgrund
moralinsaurer und medial aufgedröseltem Erregungsgewitter anderer Meinung sein, aber ganz
offenbar sind die Möglichkeiten aller Menschen zur Partizipation heute größer als vor 20 Jahren, vor
20 Jahren waren sie größer als vor 50 Jahren, und so fort. Ebenso müssen immer mehr Menschen
immer weniger Aufwand betreiben, um ihre Primärbedürfnisse zu befriedigen. Die Zahl der
Entwicklungsländer geht zurück. Die Zahl der Schwellenländer hat schon fast den Punkt erreicht,
ebenfalls wieder zu sinken. Wer hätte vor 30, 40 Jahren gedacht, dass Länder wie Südkorea, Brasilien,
die Türkei oder Polen heutzutage in weiten Teilen den Lebensstandard der westlichen Welt (der ja
heute auch höher ist, als früher) teilen. Ganz offenbar ist das Leben noch nie so angenehm gewesen,
wie heutzutage – wenngleich wir auch vom Wohlstand für alle noch weit entfernt sind.

Aber nur wenige werden diese Auffassung von Fortschritt ernsthaft teilen (trotz oder gerade wegen
seiner schlichten Ökonomie). Manche werden fragen: Was ist denn mit einem kulturellen Fortschritt?
Was ist mit einem menschlichen Fortschritt, bessere Menschen zu sein.

Darauf habe ich keine Antwort. Ich muss gestehen: Ob heutige Bauwerke schöner oder weniger
schön sind als frühere ist mir eigentlich gleich. Die Funktionalästhetik von Le Corbusier und
Konsorten muss man nicht mögen, aber sie ist eine bewusste ästhetische Überzeugung. Natürlich
scheinen die Plattenbauten und der Stahlbeton aus der Zeit gefallen, aber sie sind Ergebnis einer
Entwicklung. Ich glaube nicht, dass es ästhetischen Fortschritt gibt. Hier greift der Fortschrittsbegriff
einfach nicht. Ich kann nur bedingt für die bildende Künste sprechen, aber Aleatorik, Freejazz
oder der Expressionismus (den auch etliche Menschen schon gar nicht mehr verstehen) sind nicht
hässlicher als Beethoven oder Bach. Sie sind danach.

Ich persönlich kann der Uferlosigkeit der Verklärten Nacht weit mehr abgewinnen, als ich es je
dem Wohltemperierten Klavier tun werde. Und analog wird es auch die Architekten geben, die Le
Corbusier jedem pittoresken Kitsch vorziehen. Das ist kein Fortschritt, kein Rückschritt, es ist eine
Frage des Maßstabs. Wer leichte Musik schön findet, wird mit Karl Moik und Johann Strauß glücklich.
Wer musikabhängig ist und den immer neuen Kick braucht, wird wohl irgendwann bei Schönberg,
Brötzmann oder Stockhausen rauskommen. Das ist eine Frage des Schönheitsmaßstabs. Aus diesem
erklärt sich eine Beurteilung und aus nichts anderem. Nicht umsonst gibt es den Schönheitsdisput
zwischen den Neoklassikern a la Strawinsky und den Expressionisten. Wer Ebenmaß schön findet,
wird bei Strawinsky landen. Wer die konsequente Belastung des Hörers durch Dissonanz als
Schönheit empfindet, wird bei Schönberg rauskommen. Daher: Bedenket die Maßstäbe!