IV.RE:All Good Naysayers, Speak Up!Or…

Ich denke, bei dieser sehr interessanten Diskussion müssen einige Dinge klar gestellt und die Sicht noch etwas erweitert werden. Natürlich ist hier jede Sicht subjektiv und am Ende des Tages kann nur jeder seinen eigenen Weg gehen, den er persönlich für richtig hält – ich bin nicht der Meinung, dass es ein ultimatives objektives Richtig oder Falsch gibt; so einfach ist die Welt nicht gestrickt. Und deswegen geht es in diesem Post noch etwas expliziter, um meine individuelle Ansicht von Wachstum und Fortschritt; doch vorerst ein Wort zu unseren Ansichten von Richtig und Falsch.

Ich finde es sehr ironisch, wenn wir uns intellektuell mit verschiedenem Gedankengut – Büchern, Filmen, Musik etc. – auseinandersetzen und nicht an Kritik sparen; es erweckt den Anschein, als ob da ein objektiver Wert existieren würde: Dieses Werk ist aus den genannten Gründen schlecht oder gut, und aus den anderen genannten Gründen könnte es besser werden. Doch wenn es um Kritik unseres Wirtschafts-/Gesellschaftssystems geht werden wir sehr sehr vorsichtig – besonders wenn es um unseren ökonomischen und technischen Fortschritt geht. Da sollte lieber alles so bleiben, wie es ist – schließlich geht es vorran!

Wachstum und Fortschritt mögen natürlich miteinander zusammenhängen, doch sie sind nicht identisch. Wie bereits erwähnt wurde, gibt es schon Unterschiede:

„(…)dann produzieren sie anschließend entweder mehr Autos in der selben Zeit, ein schwierigeres Auto in der selben Zeit oder haben mehr Freizeit. “ (Frederick)

desweiteren wird gesagt:

„Ich habe wirklich kein Interesse, den fragwürdigen Einsatz von Antibiotika zu verteidigen. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass Massentierhaltung unseren Wohlstand erst ermöglicht.“ (Dusan)

Da gibt es mehr oder weniger subtile Unterschiede in der Vorstellung von Fortschritt, die ich hier von meiner individuellen Seite ein wenig relefktieren möchte.

Fortschritt bedeutet für mich, dass mit dem Wachstum einer Firma u.A. auch eine Verbesserung der Situation der Angestellten einhergeht: mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten, mehr Angestellte. Doch in einem Wachstum, dass durch aussenstehende Investoren (die Börse) beeinflußt wird, kann eine Firma nur zu Kürzungen tendieren – denn wenn die schwarzen Zahlen am Ende es Jahres nicht erheblich steigen, wird mit Aktienverkauf gestraft. Wachstum steht im Mittelpunkt, und so ist der Aktiengang auch ein Muss für die Liquidität. 

Bei dem Thema Lebensmittel ist es auf den ersten, oberflächlichen Blick gesehen natürlich ein Beweis für Wohlstand, dass sich jeder extrem billige Produkte durch Massentierhaltung leisten kann. Wir müssten eben absehen von winzigen Details wie z.B. Missbrauch von Antibiotika, fragwürdigen Fütterungspraktiken, Tierquälerei und somit Schädefolgen bei Qualität, Geschmack und Umwelt (ja, meine Umwelt! Ich rede nicht von dem Schutz von Mutter Erde sondern meines Lebensbereiches und meiner Familie). Es scheint natürlich auch ein Zeichen für Fortschritt zu sein, wenn durch künstliche Aromen, ungesunde Zutaten wie Geschmacksverstärker, Zucker, gereinigte und unnatürliche Fette etc. jeder und zu jeglicher Zeit die geliebten (und immer gleich schmeckenden) Geschmacksbomben billig in (dem Körper und Umwelt schadender) Plastikverpackung aus dem Supermarkt erstehen kann. Ich sehe darin inzwischen keinen Fortschritt mehr, sondern einen Rückgang. Wachstum? Ja, sicherlich! Ein großer Markt und viel Konsum! Aber keinen Fortschritt.

Ich sehe auch keinen Fortschritt in der schnell und günstig gebauten modern Architektur aus Beton und Stahl – für mich haben die meisten architektonischen Designs keinen ästhetischen Wert; sie strahlen Kälte aus und inspirieren mich nicht. (Es gibt natürlich auch positive Beispiele.) Da bleibe ich lieber nostalgisch und sehne mich nach Architektur des 19., 18. und der früheren Jahrhunderte. Ja, sogar die einfachen Lehm-Häuser der Affenkultur aus „Planet of the Apes“ lassen da mein Herz höher schlagen.

Natürlich können wir nicht blind sein – Wachstum und Forschritt sind miteinander vernküpft: Ich könnte ja nicht mal meinen Beruf – 3D CGI (Werbe-)Grafiker – ausführen ohne den computertechnischen Fortschritt, der durch schnelle und billige Überproduktion und damit zusammenhängende Menschenrechtsverletzungen, Umweltschädigungen und wahrscheinlich öfter als gewünscht Entlassungen etc. etc. etc. überhaupt existiert. Doch ich bin der Überzeugung, dass Fortschritt und Wachstum mit einem positiven Bewußtsein in andere Richtungen gelengt werden kann, ohne dass wir unseren Mittelschicht-Luxus aufgeben müssen: Er würde jedoch eine Metamorphose durchlaufen und gegenüber jetziger Sicht verlangsamen.

Ich sehe Fortschritt in Qualität, die nicht nur durch Zahlen belegt wird, sondern auch durch humanistischen, künstlerischen und dem der grundlegenden Idee von Qualität gerecht werdenden Bewußtsein. Das ist eine schwerwiegende Aussage – aber ich denke wir können uns im Allgemeinen auf bestimmte Qualitätsmerkmale einigen. Schließlich haben hochwertige Dinge nicht ohne Grund ihren Preis – und diejenigen, die ein Bewußtsein für diese Qualität haben, sind gewillt den Preis der Qualitäts wegen zu zahlen.

Doch im Endeffekt bleibt dieser Frage wirklich eine vollkommen subjektive Antwort schuldig. Nehmen wir das Beispiel eines Rauchers und Trinkers, der seine Gesundheit und sein Überleben nicht in das Zentrum seines Lebens gestellt hat und massenhaften Konsum und viel Geld als seine Idee von Fortschritt definiert. Wir werden uns wohl niemals auf den gleichen Weg einigen können, nicht wahr?

Durch mein Konsumverhalten versuche ich jeden Tag meine Idee von Fortschritt zu kommunizieren. Und auch in Zukunft will ich versuchen durch meine eigene Firmengründung und ein humanes, positives Management, verbunden mit hochwertigem künstlerischen Inhalt und Qualität ein Zeichen für meine Idee Fortschritt zu setzen. Denn nur weil ich manchmal ein  desillusionierter Mittelschichtler bin, möchte ich mich nicht als abhängig und blind betrachten.

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