III.RE:ALL GOOD NAYSAYERS, SPEAK UP!OR…

Der Autor erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Darstellung fremder Meinungen und Überzeugungen

Der Einstieg in diese Antwort soll kurz und schmerzvoll sein. Trotz aller hervorgebrachten Argumente ist die bisherige Diskussion dominiert von Emotionen. Warum? Ganz einfach: Es geht um nicht weniger als um das richtige und gesunde Leben, um die richtige Struktur einer Gesellschaft, um Freiheit und Unfreiheit, um die Rettung der Menschheit und des ganzen Planeten. Wann sollte der Mensch Emotionen zeigen, wenn nicht in dieser Streitfrage? Ich will mich aus der ewigen Suche nach dem Richtigen nicht vollständig zurückziehen, doch wichtiger erscheint es mir an diesem Punkt, einen Schritt zurückzutreten und folgende Behauptung aufzustellen: Im Grunde genommen geht es bei dieser Streitdiskussion um den Denker selbst und erst dann um die Rettung jeder Existenz. Deswegen werde auch ich weniger über die “Sachverhalte” und mehr über meine Position schreiben. Ich werde versuchen darzulegen, warum mich dieser Streit wenig interessiert.

Keine Frage, der Eskapismus ist mir nicht unbekannt, doch ich lebe ihn in einer bestimmten Form der Nostalgie. Ich träume nicht von einem Ausstieg aus den Verpflichtungen der modernen Gesellschaft und von einem Einstieg in eine alternative Lebensführung. Mich interessiert ein bestimmtes Bild der Vergangenheit. Mein Eskapismus ist die Athenische Akademie und die Beschäftigung mit Fragen wie: “Haben die Götter einen eigenen Willen, und wie stehen sie in Relation zur göttlichen Intelligenz als der ersten Monade?”

Es ist klar ersichtlich, dass viele Zeitgenossen einen Ausstieg suchen, da sie die Wahrheiten unserer Gesellschaft für falsch halten. Wohlstand und Fortschritt werden nicht mehr als Befreiung, sondern als neue Ketten gesehen. Die Ketten, die ich zu schleppen glaube, sind anderer Natur. Ja, ich glaube, dass Fortschritt und Wachstum zur Existenz gehören. Ja, ich sehe ein, dass man einen theoretischen Unterschied zwischen dem Drang zur Änderung und Verbesserung und dem modernen Wachstum postulieren kann. In der Praxis aber, in der gelebten Realität, sehe ich diesen Unterschied nicht.

Zuerst aber ein paar Fragen, die ich mir selber beantworten muss: Glaube ich daran, dass es eine richtige Art der Lebensführung gibt? Nein. Glaube ich daran, dass es eine natürliche Art der Lebensführung gibt? Auch nein. Glaube ich daran, dass eine Lebensführung, die als eher nachhaltig definiert wird, einer anderen Lebensführung vorzuziehen ist? Nicht unbedingt. Wie meinem Vorblogger mangelt es auch mir an Begeisterung für den alternativlosen Umweltschutz. Der Mensch kann die Umwelt nicht zerstören. Tatsächlich zerstört er seinen Lebensraum, aber dieser ist nicht gleichzusetzen mit dem Planeten Erde. Wie kann man auch etwas zerstören, das z.B. die Ursache für die Kreide-Tertiär-Grenze ist? Ich weiß, es ist sehr populär, den Menschen als den größten Zerstörer und Vernichter zu betrachten, aber er ist weit davon entfernt, der Natur, der größten Massenmörderin, gleichzukommen. Ich verstehe, dass Leute die Entscheidung treffen, ihren Lebenssinn in der Rettung des Planeten zu suchen. Ich verstehe auch, dass sie Mitmenschen helfen wollen. Doch dahinter befindet sich kein hehres Ziel und keine objektive Bestimmung aller Menschen. Groß angelegter Altruismus ist Egoismus nach außen gekehrt. Das möchte ich nicht als Kritik verstanden haben. Diese Aussage ist für mich rein deskriptiver Natur.

Ich denke, jetzt ist etwas klarer geworden, warum mich alternative Lebensentwürfe nicht im selben Maße ansprechen. Ich interessiere mich jedoch für die Argumentation. Wenn jemand das Individuum befreien möchte, dann will ich wissen, warum und vor allem wie. Argumente sind für mich die einzig verbliebenen Wahrheiten, da sie Mittel und Ziel angeben und offen zur Beurteilung stehen. Wenn mir Wirtschaftsvertreter von der Bedeutung des Euros vorschwärmen und die Arbeitnehmer an ihre Verpflichtungen zum Wohlstand Deutschlands erinnern, bleibe ich skeptisch, wenn währenddessen die Zahl der Leiharbeiter steigt, die Zeitarbeit prosperiert und Arbeitnehmer sogar entlassen werden. Und wenn ich jeden Tag gesagt kriege, dass Apple das teuerste Unternehmen der Welt ist, zweifle ich nicht grundlos an der Funktion der Börse. Natürlich profitieren Arbeitnehmer vom Erfolg eines Unternehmens, aber der Erfolg einer Firma ist nicht identisch mit dem Erfolg der Arbeitnehmer. Leute verlieren ihren Job, auch wenn die deutsche Wirtschaft gerade dabei ist, die ganze Welt zu retten. Wer das in seiner Argumentation ignoriert, der lügt.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal zum Wachstum zurückkommen. Ich bin der Überzeugung, dass technischer Fortschritt und Wachstum unüberlegt dämonisiert werden. Es ist eine heute weit verbreitete Ansicht, dass alles sowohl einen positiven als auch negativen Aspekt mit sich bringt. Ich frage mich, warum dieses Recht der modernen Produktionsweise abgestritten wird? Nehmen wir als Beispiel die Massentierhaltung. Dieses Phänomen eignet sich wie kein anderes für die Verdeutlichung der angeblichen Missentwicklung der modernen Gesellschaft. Ich habe wirklich kein Interesse, den fragwürdigen Einsatz von Antibiotika zu verteidigen. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass Massentierhaltung unseren Wohlstand erst ermöglicht. Wohlstand bedeutet nicht das Erreichen einer Einkommengleichheit, so dass alle Mitglieder einer Gesellschaft “faire” Preise in Bioläden bezahlen können. Wohlstand ist ein positiver Gefühlszustand, der von Person zu Person variieren kann. Massentierhaltung ist deswegen notwendig, weil es Essen zu einem günstigen Preis produziert, und so bei Menschen mit niedrigen Löhnen, durch den Konsum dessen, was heute normal erscheint, ein Gefühl von Wohlstand entstehen lässt. Wer “faire” Preise ohne wenn und aber fordert, der gefährdet den sozialen Frieden, weil die Lohnsteigerung sicherlich nicht gekoppelt wird an die Preiserhöhung durch flächendeckende Einführung von artgerechter Tierhaltung.

Wie schon anfangs erwähnt, sehe ich es ein, Wachstum als etwas Produktives und als etwas Destruktives zu definieren. Diese Unterscheidung aber ist künstlich und nur in der Theorie von Belang. In der Praxis ist für mich Wachstum und Fortschritt immer beides. Wachstum als reiner Drang zur Verbesserung ist und bleibt in meinen Augen ein Wunschtraum. Der real existierende Sozialismus hat trotz seines sozialistischen Mantras (Alles zum Wohle des Menschen!) vor einem Wirtschaftssystem kapituliert, das die Bereicherung des Einzelnen über den Wohl der Gemeinschaft stellt. Der Wachstum, der uns täglich in Wirtschaftsnachrichten mehr oder weniger beglückt, ist der einzige Wachstum, der uns bleibt. Dieser ist auch maligner Natur. Er muss erst durch Gesetze und Bestimmungen maßgeregelt werden, bevor er seine positive Wirkung entfalten kann.

Derjenige Leser, der diese Überzeugung teilt, ist gerade beim bestätigenden Nicken angelangt. Alle anderen verziehen nun ihr Gesicht. Ich kann jedoch nicht anders, als mit einer kurzen ontologischen Ausführung abzuschließen. Jede Existenz trägt in sich ihre eigene und jede vorstellbare, mögliche und fremde Vernichtung. Jedes Tier, das den Körper in Bewegung setzt und die Pfote auf den Boden legt, zerdrückt den Grashalm und leitet den ersten Schritt zu Veränderung und Vernichtung ein. Der Mensch benötigt den Sauerstoff zum Leben und doch ist dieser verantwortlich für den oxidativen Stress. Technischer Fortschritt und Wohlstand können sich diesem nicht entziehen. Während der eine Denker sich und seine Mitmenschen dazu animieren möchte, über den guten Wachstum nachzudenken, besteht der anderen Denker darauf, dass der Wachstum bereits als gut zu bezeichnen ist. An beiden Position kann man sich sattlesen oder die Zähne ausbeißen, doch mich fasziniert etwas anderes. Eine bestimmte stoische Herangehensweise. Nichts Beonderes und wahrlich nichts Unbekanntes: Warum in gut und böse denken, wenn wir doch den Göttern gleichziehen können?

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