II.RE:All Good Naysayers, Speak Up!Or…

 

Von Göttern, Dämonen, von Schleim, Brei und Getier, vom stetigen Wachsen und der grausamen Hand der Effizienz künden uns immer wieder die Geschichten und auch diejenige, auf die ich hier antworte. Wenngleich auch vielleicht ein wenig bitterböse antworte, denn: Ich habe es satt! Jawohl! Ich habe es satt! Satt von den bösen wirtschaftlichen Mächten zu lesen, von der Unfähigkeit etwas zu beeinflussen, von der Orientierungslosigkeit zu lesen, die sich immer wieder Bahn bricht und im Mittelschichts-Menschen sein mittelndes vermitteltes Durchschnittswesen gefunden hat.

Ich gestehe frei: Auch ich bin ein durchschnittliches Mittelschichtswesen, lebe ein Mittelschichtsdasein, denke über Mittelschichtsdinge nach und träume Mittelschichtsträume. Auch ich fühle mich um meinen Teil betrogen, auch ich verfolge die Nachrichten und ärgere mich, auch ich schaue unvermittelt und ratlos auf das Treiben meiner Mitmenschen.

Aber mir liegt das „J’Accuse…!“ fern. Nicht fern, wenn es um die Unfähigkeiten meiner Brüder und Schwestern geht. Es liegt mir fern, wenn ich die ewig gleichen Sorgen, Nöte, Anschuldigung, das immer gleiche Unverständnis zu lesen genötigt bin. Die Melancholie, die der Orientierungslosigkeit entspringt, hat ihren Zauber, aber Selbstmitleid ist nicht meins. Denn das vermeintliche Selbstmitleid lässt sich so leicht abstellen und es hängt zutiefst mit den Möglichkeiten und Abgründen unserer Lebensumgebung zusammen; ich sollte sagen mit unserer heutigen Lebensumgebung, vulgo der modernen, demokratischen, funktional differenzierten Gesellschaft.

Die vermeintliche Sucht einer marktwirtschaftlich orientierten Produktionsweise (aber streng genommen jeder Produktionsweise) nach Wachstum zu geiseln, ist in etwa so geistreich, wie das Streben nach Gesundheit zu verurteilen. Die – zumeist von keiner wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnis getrübten und vornehmlich politisch indoktrinierten – Vertreter wachstumskritischer (was für ein komisches Wort ?!) Thesen vermeiden gerne Lektion 1 einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung mit einem Gegenstand: Den Gegenstand zu verstehen.
Was im Alltag die Unfähigkeit zur Empathie ist, das Nicht-Eingehen-Können auf den Anderen, das ist in der Debatte die Unfähigkeit eine wohlbegründete Meinung zu haben. Wie komme ich zu einer so infamen Unterstellung? Recht einfach zu klären!

Ein Produktionssystem, eine Volkswirtschaft, im globalen eher die globale Volkswirtschaft durchläuft einen permanenten Zyklus. Produkte werden gebaut und gekauft. Nachdem ein Produkt verkauft wurde, wird ein Neues gebaut. Der  Wachstumskritiker setzt hier an: Warum muss, wenn jeder ein Auto hat, noch ein Neues gebaut werden? Dieses Argument besitzt ansatzweise beim Auto einen Funken Vernünftigkeit, spätestens bei Nahrung, Kleidung und anderen Gütern besitzt es die nicht mehr. Es ist nicht die Frage, ob wir ein Produkt irgendwann noch mal brauchen, sondern wann. Irgendwann sind die besten Bremsen, das beste Getriebe, die beste Karosserie verschlissen und müssen ersetzt werden. Selbst Häuser baut man nicht für die Ewigkeit. Dass kein Gebäude für die Ewigkeit hält, ist im stolzen Rom oder im ebenso antiken Athen ein Touristenmagnet. Der Produktionszyklus muss also weiterlaufen.
Dann wird der Wachstumskritiker sagen: Na gut, wenn man alle 20 Jahre ein Auto braucht, dann bauen wir eben für jeden alle 20 Jahre ein Auto. Das perfide ist ja nicht der Produktionszyklus, sondern die Sucht, dass alles immer schöner, größer, besser werden muss.

Und auch hier, bleibt nichts anderes zu sagen, als: Weit gefehlt! Ein Produktionssystem kann nicht anders als zu wachsen. Wachstum ist der Normalzustand. Wenn diejenigen, die das Auto bauen, besser darin werden, das Auto zu bauen – ohne Zwang, ganz von allein, weil man eben bei allem, was man macht, zunehmend besser wird – dann produzieren sie anschließend entweder mehr Autos in der selben Zeit, ein schwierigeres Auto in der selben Zeit oder haben mehr Freizeit. Da Geld immer, wie uns nicht zuletzt Bourdieu lehrt, Arbeit mal Zeit ist, ist jede der drei Formen Wachstum. Schließlich ist auch dies Wachstum: Ein neues besseres Auto. Und natürlich muss das neue Auto entweder teurer werden oder das alte günstiger, denn es steckt ja unterschiedlich viel Arbeit darin.
Auf Wachstum zu verzichten hieße, dass Arbeitnehmer in dem, was sie tun, nicht besser werden dürften, dass kein Entwickler auf eine neue Idee kommen dürfte, dass es keinen Fortschritt geben dürfte. Da all dies aber der Normalzustand ist, ist auch Wachstum der Normalzustand und erst das Fehlen des Wachstums besorgniserregend. Das Streben nach Wachstum zu kritisieren ist so gefährlich, wie einen Krebskranken von seinem Streben nach Gesundheit abzubringen. Denn eben das würde ein dauerhaftes Fehlen des Wachstums bedeuten: Verelendung, Arbeitslosigkeit, Katastrophe. Wenn man irgendwann ganz von allein nur noch vier statt fünf Arbeitnehmer für die Konstruktion eines Wagens braucht, dann ist der fünfte entweder arbeitslos oder man muss mehr Wagen produzieren oder aber Preis und Stückanzahl bleibt gleich, nur die Arbeitnehmer arbeiten einfach weniger. Toll?

Ne, ganz und gar nicht! Denn dann ist das Produkt weniger wert und kostet demnach mehr als vorher: die Deflation. Man muss immer mehr für immer weniger Gegenwert zahlen. Ich weiß nicht, wer das wünschenswert findet.

Diese Übung soll nur Exempel bleiben. Mein Mittelschichts-Rechthaber-Gen bedeutet mir derlei klarzustellen, ich möchte aber niemanden mit der Klarstellung all dieser Irrtümer langweilen. Gleichwohl geht es mir auch nur um das Exempel. Denn: es ist eine leichte Übung viele dieser Irrtümer zu widerlegen. Und dass das so ist, sagt mir: Wer auch immer diese ewig gleichen Meinungen widerkäut, verzichtet darauf, sich selbst eines Besseren zu belehren. Die demonstrative Zurschaustellung von Unwissenheit ist für sich genommen nichts Schlimmes. Nicht jeder muss alles wissen.
Aber er kann es.

Und hier beginnt mein „J’Accuse…!“. Man muss keine gerechtfertigte Meinung haben. Aber man muss eine gerechtfertigte Meinung haben, um ernstgenommen zu werden. Nichts ist mir widerlicher, als diese Befindlichkeitskultur, in die wir uns verstrickt haben. All diese Menschen, die nur sinistre, intransparente und gemeingefährliche Mächte am Werk sehen und sich um ihren Teil betrogen fühlen, sind mir ein Graus.

Denn dies ist die Wahrheit und ich will sie Euch sagen: In allem steckt Sinn – auch dann wenn Ihr ihn nicht mehr überblickt. Der Kapitalismus hat zu einer Periode beispiellosen Wohlstands geführt. Noch nie in der Geschichte der Menschheit war das Überleben so einfach wie heute. Aber nur in der westlichen Welt? Mitnichten! Es gäbe keine Milliarde Chinesen oder Inder, wenn es nicht genug Nahrungsmittel gäbe. Und auch in Afrika scheint das Leben zumindest nicht so beschwerlich zu sein, dass sich die Spezies Mensch nicht auch dort mit einem kräftigen Wachstum (sic!) vermehrt.
Dass Du, lieber Leser, die Welt als immer sinnloser, als unüberschaubarer wahrnimmst, heißt noch lange nicht, dass sie es ist. Denn dies ist der Sinn, der allem menschlichen Leben innewohnt: Das Überleben der Spezies. Und diesem Sinn ordnen wir alles unter und das mit Erfolg in jeglicher Hinsicht.

Vielleicht würdest Du sagen, aber dabei zerstören wir die Natur. Und dann antworte ich Dir: Welche Natur?
Das Ökosystem wird nach uns im selben Maße unabhängig vom Menschen sein, wie es vor uns unabhängig war – und während wir da sind, unabhängig von uns ist. Denn wir sind ein Teil des Ökosystems. Die Ziege, die alles kahl frisst, zerstört auch den Lebensraum anderer Arten. Wir zerstören nur ein Gleichgewicht der Natur und schaffen ein neues. Die Natur können wir nicht zerstören. Alles was wir zerstören können, ist UNSEREN Lebensraum. Und das liegt nicht in unserem Interesse, das ist nicht unser Sinn. Deswegen schützen Menschen die Natur – nicht Ameisen, Elefanten oder Hasen. Naturschutz ist ein menschliches Kulturprodukt zum Schutz des Lebensraums des Menschen. Von Menschen für Menschen.

In allem steckt der eine Sinn. Im Kapitalismus und den Finanzmärkten, in der Quantenphysik, in diophantischen Gleichungen, Im Naturschutz und im Internet. Dass Du diesen Sinn in ihnen nicht siehst, bedeutet nicht, dass er nicht da ist, es bedeutet nur, dass Du ihn nicht siehst.

Denn das ist das Problem der modernen Welt: Den Sinn musst Du selbst entdecken. Niemand nimmt Dir das Denken ab. Die Welt wird Dir nicht in Portionen verkündet und verklärt. Sie steht nackt vor Dir. Wenn Du es nicht schaffst, Deinem Leben Sinn zu geben, wird es niemand für Dich tun. Und das ist der größte Fortschritt den Menschen je gemacht haben: Der Zwang zur Selbstverantwortung! Streif Dein Selbstmitleid ab und bemüh Dich! Ich weiß, ich weiß, Bemühen kostet Mühe. Aber Du hast nur diese Möglichkeit. Wer sich nicht darum bemüht, diese Welt zu verstehen und sich selbst Sinn zu geben, der muss damit leben den Sinn von denen verpasst zu bekommen, die ihn sich selbst geben konnten und von denjenigen beherrscht zu werden, die sich bemühen, die Welt zu verstehen und sie damit gestalten.


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