I.All Good Naysayers, Speak Up!Or…

http://understory.ran.org/2011/08/19/cargill%E2%80%99s-not-so-cold-turkey-bad-habits-in-the-global-food-chain/

Picture from: The Understory

Ich muss voran zugeben: dies ist ein verzweifelter Blog-Eintrag. Er wird mit zwei Vorschlägen und gleichzeitiger Frage enden – und leider keinen positiven Aussicht. Denn als Individuum in der westlichen Gesellschaft Anfang des 21. Jahrhunderts scheinen keine positiven Aussichten auf eine baldige Besserung zu existieren.

Das liegt daran, dass das Individuum in einem System lebt, arbeitet und stirbt, das nicht so sehr für das Individuum – den Menschen, die Lebewesen – an sich geschaffen ist (/sich entwickelt hat), als für eine abstrakte Idee von Vorankommen und Aufsteigen. Niemand weiß so sicher wohin, aberirgendwo da oben gibt es sicherlich die Antwort, nach der der Mensch seit der Schöpfung gesucht hat. Wir müssen nur darum kämpfen, dass das Wirtschaftswachstum stetig und immer weiter in die Höhe geht, dann erreichen wir sicherlich dieses – vielleicht übergöttliche – Etwas.

 

Das Wachstum ist das Ein und Alles einer zivilisierten, modernen Gesellschaft wie der unseren – als Einzelner in der Masse werden wir regelmäßig dazu angehalten, nicht zu vergessen uns zu amüsieren und einzukaufen (Der Standard hat es auf den Punkt gebracht). Doch viel wichtiger als der Einzelne (in der Masse) sind doch die Finanzmärkte, die beruhigt und befriedigt werden müssen, damit es nicht zu sehr bergab (und doch bitte bergauf) geht. Der Finanzmarkt – eine undurchsichtiger Brei von Menschen, dessen Ziel es stetig ist, größer zu werden. Nein, nicht in der Anzahl der Menschen, sondern in dem Reichtum des Einzelnen in diesem Brei. Ansonsten hat dieser Brei keinen weiteren Zweck für die Gesellschaft. Er hilft nur dem durch Lobbies unantastbar gemachten und sämigen Konzern-Schleim, noch flüssiger zu sein, um ebenso nach ein stetiges und immer höheres Wachstum zu erreichen. Dabei haben der Konzern-Schleim und der Finanzmarkt-Brei eine Beziehung wie zwei kleine Jungs, die sich gegenseitig aufschaukeln beim Spielen mit Stöcken. Denn auch wenn ein Konzern gute Geschäfte macht, seine Arbeiter bezahlen kann und im allgemeinen gesund ist, aber unter Umständen ein geringeres Wachstum als im Vor-Jahr aufweist, wird er von seinen Anlegern abgestraft – sein Wert geht mit den Wachstumszahlen unvergleichbar nach unten. So kann der Schleim nur überleben, wenn er dem Brei das gibt, was er fordert, damit der Brei dem Schleim wiederum das gibt, was der Schleim gedenkt zu brauchen – jedenfalls seitdem er in diesen Wachstumsteufelskreis geraten ist.

Und diese Wachstumssucht hat sich – man müsste es freilich nicht erwähnen – an die Computer-getaktete Geschwindigkeit unserer Zeit angeglichen. Ganze Staaten, die in dem Wachstumsrennen versagt haben und nun am Boden liegen, werden dazu angehalten, so schnell wie irgend möglich wieder auf die Beine zu kommen – nein!, nicht nur auf die Beine – es muss so schnell wie möglich wieder beim Lichtgeschwindigkeits-Bergauftstieg namens Wachstum teilgenommen werden. Gesunde Genesungszeit ist – ich habe gerade auf Duden.de nachgesehen – aus dem Wortschatz gestrichen worden.

 

Aber das sind ja alles nur Geschichten von Dämonen und Göttern! Was hat das mit meiner Wenigkeit zu tun? Als einer der Personen, die sich Glücklich schätzen einen guten und festen Arbeitsplatz zu besitzen, kann ich mich natürlich weniger beschweren als die Tausenden und Millionen, die zur Zeit und für noch eine ungewisse – aber gewiss sehr lange – Zeit zurückstecken müssen, um dabei behilflich zu sein, ihr Land bzw. ihren Konzern / den Schleim / den Brei wieder auf Kurs zu bringen. Um wieder auf Kurs zu kommen, um den Brei zu beruhigen, um den Schleim glücklich zu stimmen, muss man schon mal mit weniger Gehalt, weniger Rente, keinem Gehalt, keiner Rente zurückstecken können – das Individuum (oder auch mehrere Tausende, Millionen davon) für das Wohl der Idee einer Masse.

 

Nein, eine Person wie ich – aufgewachsen und dahinvegetierend in der Mittelschicht – hat da zu belächelnde Probleme. Des Aufstiegs willen werden für mich Fabriken in Ländern gebaut, in denen Menschenrechte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Gesundheitsstandards ein Mythos aus einer anderen Welt sind. Ich muss nur mit dem schlechten Gewissen zurechtkommen – und seien wir ehrlich, das ist eines der leichteren Aufgaben! Was mich da doch ein klein wenig mehr betrifft ist z.B. die Lebensmittelindustrie. Der Bruder von Wachstum heißt Effizienz. Die beiden gehen nirgendwo alleine aus und sind höchst intelligent. Besonders wenn es um die Produktion von Nahrungsmittel geht haben sie den Schleim und den Brei fest in der Hand. Da scheint es nicht groß von Belang, dass die Person, durch die dieser Marathon im Endeffekt finanziert wird, sich immer mehr und mehr von immer weniger und weniger qualitativer, ja schon giftiger Nahrung ernährt und gleichzeitig unnötige und quälende Massentierhaltung fördert. Aber das will dieser Person wahrscheinlich gar nicht auffallen, schließlich geht es auch bei ihr um Effizienz und Wachstum – und nur durch diese ungesunde industrielle Herstellung und deren Subvention können die Preise so gedrückt werden, dass sie auch seelisch verkraftbar sind.

 

Wie dem auch sei – hier könnte man ja noch auf lokale Anbieter und ausgesuchte Waren ausweichen; ich möchte nicht unnötig meckern. Worauf, jedoch, soll der Durchschnitts-Mittelschicht-(Groß-)Stadt-Bürger ausweichen wenn es um seine Lebensumgebung geht? Während noch bis im 19. Jahrhundert, ja sogar Anfang des 20. Jahrhunderts anscheinend mit Liebe und Sinn für Schönheit und Kunst – neben dem Baumaterial und geballter Menschenkraft – an der Vollendung kleinerer und größerer architektonischer Meisterwerke gearbeitet wurde, gebieten heute die Gebrüder Wachstum und Effizienz Einhalt wenn es darum geht, eine angenehme, schön anzuschauende Umgebung zu kreieren. Sicherlich ist der Mensch auch dazu imstande, mit Stahl und Beton wunderschöne Gebäude zu gestalten. Doch in erster Linie darf man hier nicht mehr dem Herrn sondern Brei, Schleim und den zwei Brüdern Tribut zollen mit schnell errichteter, simpler und gräulich (auch auf die Farbe bezogen) anzuschauender, seelenloser Architektur. Auch der Rest der wichtigen öffentlichen Flächen unserer Zeit hat keine Zeit, keine Muse, keine Chance mehr auf Inspiration, auf Kunst. Während die guten alten Zeiten eher alt als gut waren, kann man dennoch von ihnen sagen, dass die Werbung noch beeinflusst war von der Kunstszene – man denke mindestens an den Jugendstil. Und die Kunst dadurch beeinflusst durch die Werbung. Doch das anspruchsvolle Bruderpaar lässt keinen Zufall zu, und Kunst ist ja bekanntlich weniger berechenbar – sehr ineffizient, nicht wahr, meine Herren!?

 

Die Frage drängt sich also zum Schluss auf: Wenn sich das hier nicht näher definierte Individuum nicht an dem Bergsteigrennen namens Wachstum beteiligen möchte sondern „einfach nur“ glücklich sein möchte – wie sollte es sich verhalten? Welche Möglichkeiten stehen ihm offen?

Wie ein Freund (möge er auf diesen Blog-Eintrag danach bitte beantworten) sagte, muss man der Realität ins Auge sehen: Wenn es die Wirtschaft fordert, MUSS der Frankfurter Flughafen soweit ausgebaut werden, bis Frankfurt als Wohnraum nicht mehr existieren kann – es gibt in unserer Zeit keine Alternative! Ghosttown FFM.

Es gibt einen Unterschied zwischen der menschlichen Eigenschaft, Dinge verbessern zu wollen, durch Erfindungen neue und positive Möglichkeiten zu erschließen, und der Jagd nach ewigem wirtschaftlichen Wachstum und Effizienz um jeden Preis.

Das Individuum kann nun versuchen, durch sein Konsumverhalten und demokratischem Mitwirken seinen positiven Lebensraum (das hier auch metaphorisch gesehen) umzugestalten und wieder zurück zu gewinnen. Das Individuum muss ausharren, muss stark sein, und Gefühllos (mit den zeitlich wichtigen Gefühlsausbrüchen um politisch aktiv werden zu können): denn dies kostet unabsehbare Zeit! So schnell die Gebrüder Wachstum und Effizienz die Welt eingenommen haben, so schnell werden sie sie nicht wieder aufgeben.

Oder aber das Individuum muss fliehen – es könnte sich einen alternativen Lebensraum schaffen; irgendwo in einem kleinen verlassenen Dorf; oder einer Hippie-Kommune (womöglich durch Hilfe des Web 2.0 selbst organisiert?!) oder ganz autark in einer Höhle, deren Wände es selbst mit einer neuen Kunstform bemalt.

Die dahinvegetierende Mittelschicht oder die Armish anmutende Höhlencommunity ohne inhumane Computertechnologie – noch nie war ein Multiple Choice Test so schwierig…

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