II.Re:Das Web 2.0 nach Berlin

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Web 2.0 ist sicherlich nicht der Anfang, nicht das Ende und bestimmt nicht die Neuerschaffung des Menschen. Es ist im Grunde ein Spiegel einer Web-losen Realität mit Versprechen und Potential weit größerer Möglichkeiten als wir sie in einer Welt ohne Internet je hätten.

Aber das bedeutet nicht, dass das Web 2.0 eine magische Maschine ist, eine One-Click-Solution – dergleichen existiert schließlich nicht im Leben. Es ist wie immer eine Frage der gelungenen Kommunikation und der Arbeit, die man hinein steckt, um das Erwünschte zu erreichen. Da kann die Kommunikation zum sozialen Selbstzweck werden – weit entfernt von der Aussage, dass man „das Ziel jeder Interaktion beschreiben könnte: Vermarktung“ – oder zu etwas viel mehr, auch etwas Größerem.

Nehmen wir einmal das Beispiel eines Marktplatzes, besser noch, einer Einkaufsstraße einer Großstadt. Hier tummeln sich alle möglichen Menschen. Die meisten sprechen mit ihren Freunden und Bekannten, mit denen sie unterwegs sind – es ist eine Gruppen-introvertierte Kommunikation. Aber es sind auch andere Gesellen auf dem Platz, die ihre persönlichen Nachrichten an die (wohlgemerkt kleine) Masse bringen wollen. Sie halten Schilder hoch, spielen Musik und Tanzen oder schreien durch die kaum zu durchdringende Lautstärke. Manchmal hat der Typ mit den Jesuszitaten auf seinem Schild Erfolg und kann sich mit ein paar Fremden austauschen. Doch eigentlich ist das Ganze von Außen gesehen eher ein – wenn es um produktive Kommunikation einer Masse geht – unbeweglicher Brei, zu dick, träge und gesättigt, um die eigenen Zutaten da noch einzubringen. Man gibt schon auf bevor man überhaupt angefangen hat, zu versuchen zu kommunizieren.

Natürlich gibt es da die verschiedensten Charaktere – nicht alle wünschen sich beidseitige Kommunikation. Der Marktverkäufer will seine Früchte an den Mann bringen, um seine Brötchen zu verdienen; die Tänzer wollen sich zur Schau stellen. Aber alle haben das eine Gemeinsam: Sie gehen hinaus zu den Orten, wo man sie sehen kann; sie schreien in die Menge; sie drehen die Musik laut auf, stellen sich in die Mitte der Straße für die bestmögliche Exhibtion ihrer Selbst – das ist Aufwand, das bedeutet Arbeit. Doch auch jeder andere auf dieser Straße will sich zeigen, will gesehen werden, will etwas aussagen und sich präsentieren. Hier ist der Weg passiv: In bunten Lettern bedruckte T-Shirts und Kappen, verschiedene modische Stile, um sich zu stilisieren und ein Bild von sich nach Außen zu schaffen. Auch hier: keine beidseitige Kommunikation.

Zurück im Web 2.0: Hier wird man ein Minimum aktiver – hier besitzt man seinen Stream, auf den in unter Umständen bunt dargestellten Lettern (mindestens in den verlinkten Fotos, Websites und Videos) seine zusammengestellte Persönlichkeit ausgestellt wird; zumindest kann man sich ausdrücken mit einem Klick auf den Like-, 1+, Re-tweet–Button. Reine Selbstdarstellung – in der Tat keine produktive Kommunikation. Sicherlich kommt hier dann im Gegensatz zur Einkaufsstraße eine zweiseitige Kommunikation zustande. Die minimale ist die Reaktion mit eben diesen Buttons. Hier kann man nicht von einer digitalen Revolution sprechen – aber hier enden ja auch nicht Versprechungen des Web 2.0!

Wer glaubt, dass er im Web 2.0 gesehen wird, indem er einen Facebook-, Twitter-, Tumbler oder Google+ Account (endloses etc. etc.) erstellt und seine Vorlieben und Gedanken postet, irrt sich gewaltig. Hier muss noch etwas Kommunikationsstudium betrieben werden! Web 2.0 ist einfache die Vernetzung – es ist nur eine Variante (wohlgemerkt eine immens technisch versierte und weiterentwickelte) anderer Kommunikationsmittel wie Briefe, Telefon und physischer Zusammenkünfte. In der Tat kann man sich viele Meinungen zu seiner eigenen Meinung einholen – falls es da Menschen gibt, die Lust verspüren, sich mit der Meinung eines Anderen zu beschäftigen. Wer kann das wohl sein? Jemand, mit der ich kommuniziere; jemand, die weiß, dass ich ebenso ihre Meinung für wichtig halte; jemand, der ich meine Meinung bereits gesagt habe – und somit den Kommunikationskanal geöffnet habe. Dazu gehören nicht nur abschließende Aussagen sondern auch kanalöffnende Fragen. Sobald man also selbst auf die Andere zugeht, wird auch die andere Person auf mich zugehen! Und je mehr und je öfter ich das tue, desto mehr Menschen wird es geben, die mich respektieren, mich schätzen und ein stetiges Interesse an mir entwickeln werden – die Follower! Das könnte natürlich im Web auch auf nur ein bestimmtes Thema reduziert sein – wir sprechen hier vielleicht gar nicht von der ganzen Person; wir suchen schließlich unter Umständen keine Seelenverwandte hier. Aber das ist in nicht-digitalen Lebensbereichen genauso – der Gemüsehändler, mit dem man sich über den Bio-Anbau unterhält, die Kunstgeschichtsprofessorin, die Kollegen.

Wer jetzt hier das Web 2.0 für die eigene Vermarktung nutzen will, muss natürlich wissen, was sie eigentlich vermarktet – aber das ist kein Thema des Internets per se. Darüber hinaus wird sie wissen müssen, wie man vermarktet; wie man Akquise betreibt, wie man präsentiert – auch das: Kommunikationsfragen im Allgemeinen.

Und da ist das Web 2.0 eine kleine Revolution, wie sie einhergeht mit der Weiterentwicklung moderner Technik. Anstatt große Summen von Geld in Printwerbung investieren, von Tür zu Tür, Marktplatz zu Marktplatz gehen, für die Suche nach Gleichgesinnten Anzeigen in Zeitungen schalten oder an Laternenmaste anbringen und andere Zeit- und Geld-intensive Dinge machen zu müssen, reicht ein günstiger Computer in jeglicher Form und Internetzugang.

Doch was in den letzten Jahren das Web 2.0 neben Marketingpotentialen hervorgebracht hat, ist die unglaubliche Fülle an immer griffbereiter Information und deren blitzschnelle Verbreitung. Während natürlich die Kontrolle dieser Informationen in Anbetracht der großen Anbieter Google, Amazon, Apple, Wikipedia und Microsoft usw. anderweitig diskutiert werden kann und soll, möchte ich zuletzt auf ein Phänomen hindeuten, das meiner Meinung nach die produktive Existenzberechtigung des Web 2.0 deutlich aufzeigt.

Sehr oft ist in den letzten Jahren zu hören, wie Blogs, Twitter und Facebook usw. eine wichtige Informationsquelle darstellen, nicht nur in den Fällen wo alle anderen Kommunikationsmittel wie Telefon (und wer denkt heutzutage schon noch an Briefverkehr) zusammenbrechen. In Zeiten von Katastrophen, politischer oder natürlicher Art, hat sich das Web 2.0 als positives Hilfsmittel erwiesen – und das natürlich durch den Fakt, dass schon zuvor das soziale Netz aufgebaut wurde und das nicht erst in dem Moment geschehen musst. Ironischerweise werden die – in bestimmten Ländern nur schwer zugänglichen – sozialen Netzwerke auch (unter Hilfe von Proxy-Servern) von politisch Verfolgten und Unterdrückten genutzt, als auch von Reportern, deren in totalitären Regimes der Zugang zu Informationen beschnitten wird. Ein weiteres großes, auch schon oft genutztes Potential, ist die Planung von Aktionen und das Zusammenfinden großer Menschengruppen – das kann von Flashmobs über Demonstrationen bis hin zu gewagten Aktionen wie der der hacktivist Gruppe Anonymous führen und somit auch gesellschaftliche oder politische Wirkung haben.

Das kann – wenn man es aus den oben genannten Gründen der Kosten-, Zeit- und Arbeitsvorteile extrem sehen möchte – nur mithilfe von Web 2.0 geschehen. Denn hier wird – falls man Kommunikation produktiv betreibt – das Potential vollkommen ausgenutzt. Durch die – in anderer Hinsicht als Marketingfunktionen verstandenen – Eigenschaften wird ein Blog-, Facebook- oder Twitter-Post und dessen Potential fast unendlich gesteigert; durch re-tweets, re-posts, sharing und Kommentarfunktionen und deren Verlinkung. Wer hat in einer Internet-losen Welt solche Möglichkeiten?

In der Tat bleibt das Web 2.0 jedoch , falls man zu wenig Energie und Zeit investiert, falls man kommunikativ nicht interessiert oder fähig ist, ein Egomania Spam Bot.