I.Das Web 2.0 nach Berlin

Was gibt es über Berlin zu schreiben, was nicht schon gedacht wurde? Wahrscheinlich nicht viel. Aber ein Blogpoet kann weit kommen, wenn er das Vorhandene neu mischt. Die unvorsichtigen Leser werden es für etwas Neues halten. Was kann man sich mehr wünschen? In Berlin habe ich angefangen, Life of Pi zu lesen. Ich bin und bleibe skeptisch, aber wenn man etwas unbedingt hassen möchte, benötigt man genaue Argumente für jedes Mal, wenn man nicht nach seiner eigenen Meinung gefragt wird.

Ich habe in Berlin gesehen, dass Menschen tatsächlich an die Macht des Internets glauben. Sie glauben an die fast unbegrenzten Möglichkeiten des Web 2.0 und vergleichen es mit einem Chemielabor. Youtube und soziale Plattformen entwickeln sich in dieser Sicht zu einem unerschöpflichen Brunnen der Kreativität. Ich halte das für etwas überzeichnet, aber ich verstehe, dass Menschen bemüht sind, alle Aspekte ihres Lebens zu überhöhen. Früher hatten wir den jüdischen Schöpfergott, heute haben wir uns selbst. Bei beiden gibt es verdammt viel zu überhöhen.

Mein Problem ist, dass ich Blogs und das Web 2.0 immer auf das reduziert habe, was man als das Ziel jeder Interaktion beschreiben könnte: Vermarktung. An dieser Bewertung hat sich bisher nicht viel geändert. Diese Erkenntnis ist nichts Besonderes, doch sie zeigt, warum ich gescheitert bin. Wie soll man sich täglich neu verkaufen, wenn man vergisst, was man zu verkaufen versucht? Und wie soll man sich Tag ein, Tag aus für den besten Verkäufer ausgeben, wenn man nicht den Traum eines Verkäufers träumt? Natürlich leben wir heute in einer Gesellschaft selbstverliebter Egomanie. Ohne diese Eigenschaften kann der Mensch nicht überleben. Ich glaube zwar an die Veränderung, aber auch an die unveränderlichen Fundamente des Menschen. Der Mensch hat sich meiner Ansicht nach nicht geändert, sondern er hat eine Plattform aufgebaut, die eine bestimmte Eigenschaft potenziert.

Das Internet ist weder der Anfang noch das Ende. Es ist weder die Rettung noch das Verderben an sich. Es ist eine Erfindung der Wohlstandsgesellschaft und wird diese auch nicht überleben. Sicherlich, die Idee wird bleiben, wie auch zahlreiche Gedanken des Neoplatonismus geblieben sind, aber nur entstellt und in christliche Ketten gelegt. Wenn ich schreibe, dass Menschen in Berlin an das Internet glauben, dann lüge ich. Richtig heißt es, EIN Mann in Berlin glaubt an das Internet, aber er tut es mit solcher Leidenschaft, dass man es für unmöglich hält, dass er der Einzige ist (Ganz anders also als bei dem Schöpfergott). Auch die Medien suggerieren mir, dass er keineswegs alleine ist. Ich sehe keinen Grund, warum ich den Medien nicht meinen Glauben schenken sollte. Man beachte nur, mit welcher Passion Journalisten über ihre Lieblingsspielzeuge (iPhone, iPad) schreiben. Das ist echte Leidenschaft. Das ist nicht gespielt und sicherlich nicht gekauft. Das ist religiöse Überzeugung.

Ob man nun an Jobs oder Elohim glaubt, spielt für mich keine Rolle. Beides ist absurd. Sehr früh am Anfang des Buches Pi of Life zählt der Protagonist fünf Städte auf, die er vor seinem Tod aufsuchen möchte. Im tollwutartigen Anfall religiöser Gleichmacherei und so genannter Toleranz zählt er neben Jerusalem und Varanasi auch Mekka auf. Kein Gutmensch, der dieses Buch gelesen hat, um dieses “Gut” noch besser zu machen, hielt es bisher für nötig, Martel darauf hinzuweisen, dass Mekka nur von Muslimen aufgesucht werden darf. Ob Pi sich in seinem Kopf für halb Hindu, halb Jude/Christ und halb Muslime hält, spielt keine Rolle. Auf jeden Fall sollte Pi dort besser nicht mit einem Kreuz oder AUM-Zeichen an seiner Halskette auftauchen. Nicht jeder der 100%igen Muslime wird ihm bei seiner religiösen Selbstbeweihräucherung behilflich sein.

Wer Vermarktung als sein Ziel hat, erwartet zeitnahe Ergebnisse, die klar erkennbar und messbar sind. Wer glaubt, erwartet viel weniger – zumindest bezogen auf diese Welt. Wer aus Überzeugung bloggt und twittert und den Reichtum von Zuckerberg steigern hilft, findet eine Erfüllung in der Bloßstellung seiner Selbst, die in der Regel keine Reaktion erwartet. Hier ist tatsächlich der Weg das Ziel. Außerdem: Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass das Internet mir hilft, weniger alleine zu sein. In den 90er Jahren waren es die Chatrooms, heute sind es soziale Netzwerke. Um mich nicht alleine gelassen zu fühlen, benötige ich ein Feedback. Ich benötige Reaktion und Interaktion. Trotz hundert Freunde bei Facebook waren es Firmen und Fernsehsender, die meinen Stream gefüllt haben. Ich habe keinen Verlust an sozialer Vernetzung wahrgenommen, seitdem ich den FB-Account gelöscht habe. Es ist keine Überraschung, das Twitter zu einem Sprachrohr der Prominenten geworden ist, sind sie doch diejenigen, die dank ihrer Berühmtheit sofortiges Interesse hervorrufen.

Gescheitert bin ich bisher am Internet, weil ich es immer primär als eine digitale Brücke gesehen habe, eine Verbindung zu Mitmenschen und Interessierten. Das ist das Internet nun wirklich nicht. Um das Potenzial des WWW auszuschöpfen, muss man es auf sich richten. Mehr kann das Internet nicht bewerkstelligen, denn in dem Moment, in dem Inhalt nicht mit einer bestimmten Person geteilt wird, sondern mit der gesamten Menschheit, ist es so, als ob überhaupt keine Interaktion stattfindet. Die Wahrscheinlichkeit, eine Antwort zu erhalten, geht in dieser Situation gegen Null, fällt doch auch das Gefühl jeder Verpflichtung im Internet weg. Web 2.0 ist keine Interaktionsplattform, sondern eine Quelle der Emanation. Aus ihr strömt Ego aus, das sich ausdrücken und verbreiten möchte. Jedes Ego aber konstituiert sich durch Reibung und Differenz, durch den Vergleich mit dem Anderen, das sich auch Ego zu nennen pflegt. Das Web 2.0 funktioniert für mich nicht als eine Plattform der Ego-Konstituierung, weil es nur minimal Differenz und Vergleich ermöglicht, sondern auf reaktionsfreie Darstellung aufbaut.

Jeder Mensch aber, der einen stetigen und ständigen Vergleich benötigt, weil er, unter anderem, die Grundlagen seiner Überzeugungen einer Überprüfung unterziehen möchte, wird sich von den endlos scheinenden Möglichkeiten genau so alleine gelassen fühlen wie vor einem ausgeschalteten Rechner.

Weiterlesen