II.Re:Wie ein Bananenbaum

by Dusan Sostaric

Sein Finger lag sicher und entschlossen auf der linken Maustaste, sein Blick fokussierte den Schriftzug, der das Wort Cancel ergab. Um den Flug zu stornieren, musste er eine englisch-sprachige Seite im Internet aufsuchen und sich seinem digitalen Schicksal hingeben. Er musste seinen Zeigefinger einsetzen und die Welt in Bewegung setzen. Es war furchtbar einfach. Die Welt war für ihn da. Er lachte laut und hielt es für den eigentlichen Witz und nicht etwa die Seite, auf der stand, man habe das Ende des Internets erreicht. Weil er so verdammt laut lachte, hörte er die Türklingel nicht, doch er wusste, dass ein Besucher vor seiner Wohnung stand. Er lachte laut und hörte dann damit auf und auf seinem Bildschirm standen Geheimnisse über Pillen und Fahrzeuge, die unerwartet in Brand aufgegangen waren. Er hörte den Besucher sagen: „Ein Fenster ist selten ein Übergang in eine andere Welt. Wer kann dir das Versprechen geben, dass sich hinter einem verschlossenen Fenster überhaupt etwas befindet. Und wenn es verschlossen ist, ist es tatsächlich deine Pflicht, es zu öffnen?“

Es klingelte an der Tür. Viermal kurz hintereinander. An Patricks Stirn bildeten sich fette Schweißtropfen. Vor seinem geistigen Auge sah er einen Weg, der zwischen hohen Bergen führte. Am Horizont trohnten dunkle Wolken und eine Stimme erzählte einen Witz über das Ende der Welt. Patrick stand an der Eingangstür und hielt den Knauf in seiner rechten Hand. Der Besucher stand auf der anderen Seite der Tür und verschwendete keinen Gedanken an runde Knaufe. Der Besucher sagte: „Ich kenne mich aus mit Fenstern. Ich habe sie erfunden. Ich habe einfach ein Loch in die Wand gerissen und festgestellt, dass genau dort ein Fenster hingehört. Erst später kam der Mensch auf die Idee, aus vier stabilen Wänden ein Haus zu bauen.“

Der Besucher saß auf dem roten Sofa im Wohnzimmer und schwieg in einer angenehmen Lautstärke. Patrick brachte ihm ein Glas mit Wasser zur Erfrischung, doch der Besucher sagte, er halte nicht viel von Wasser, müsse man doch immer bedenken, was alles aus genau jenem herausgekrochen ist. Patrick nickte und warf das Glas über die Schulter. Der Besucher hatte blaue Augen, wenn er schwieg, grüne, wenn er zuhörte, und braune, wenn er über Fenster referierte. In seiner linken Hand hielt er eine archaische Waffe, deren Name in Vergessenheit geraten war. In seiner rechten einen Gegenstand aus einer fernöstlichen Gesellschaft. Mit der freien Hand strich er sich gekonnt durch die Haare. Patrick war die Fähigkeit zum Zählen abhanden gekommen. Der Besucher schlussfolgerte: „Eine Reise ist wie ein Fenster. Das ergibt zwar keinen Sinn, klingt aber wie von einem Gott gesprochen. Wer von uns beiden für Zusammenhänge verantwortlich ist, liegt deutlich auf der Hand. Es ist sehr leicht. Ich kann es dir beibringen. Du nimmst zwei Sachverhalte, die nichts, aber absolut nichts miteinander zu tun haben, und stellst dich genau in die Mitte. Schon ergibt alles einen Sinn. Wie verschlossene Fenster.“

Patrick überkamen die Tränen, als er das Ende sah. Er dachte an seinen Freund, der sich am Telefon einen kleinen Witz erlaubte. Er dachte auch an die Reise und den Sex, den er unter Erleuchtung hätte verbuchen können. Das Ende war klein und schwarz und verlangte unerschütterlich von einem, dass man es selbst reiht. Leider war das Licht ausgegangen und alles in Sanskrit notiert, und der Besucher, nun in seiner geistigen Form anwesend, sprach kein Wort mehr. Irgendwo weit weg tropfte Blut auf eine Plattform aus Glas und auf dem Bildschirm im Arbeitszimmer lief eine langweilige Diashow. Patrick drückte auf Cancel und aus der Schublade kam Geld geflogen. Es geschah alles in der vorherbestimmten Reihenfolge. Eine einzige Frage brannte ihm noch auf der Seele. Wenn es jetzt noch weitergehen sollte, wo und wie konnte das sein. Wenn es eine Antwort geben sollte, was konnte deren Inhalt sein?