I.Wie ein Bananenbaum

Ein neuer Anfang  – eine gigantische Chance – ein endlich wahrgewordener Traum.

Nachdem er Barfuß  einen langen Spaziergang durch die Gärten vor dem Wald gemacht hatte –  fieberhaft vor Vorfreude;  eine Vision vollkommener Freiheit und tiefen fundamentären Erfahrungen nach der anderen -, erzählte er seinem Freund am Telefon von seinen festen Plänen.

Die Flugbuchung nach Guanzhou war in diesem Moment erfolgreich abgeschlossen, die rechtmäßige Kündigung seines Wohnungsmietvertrages, schon fertig vorbereitet und unterschrieben, lag neben ihm auf dem Tisch. Seine Arbeitsstunden in der Firma waren durch stetige  Gewinnrückgange ohnehin auf ein Minimum reduziert worden – einer kurzfristigen Kündigung stand nichts im Wege. Mit seinem Vorhaben perfekt einher ging auch der bestellte Wohnungsräumungsdienst – so konnte er sich, verglichen mit einer selbst erledigten Entrümpelung, von jeglichem materiellen Balast entledigen ohne zu emotional zu werden.

Sein Freund hörte mit ehrlichem Interesse und sehr neugierig zu, wie er schwärmend von seinem zeitlich unbestimmten Streifzug durch Asien berichtete. Endlich folgte er dieser Sehnsucht, auszubrechen und sein echtes Selbst zu finden; etwas, zu dem er sich bei der monotonen Arbeit und des immer gleichen Umfeldes nicht hundert Prozent fähig fühlte. Nicht, dass er nicht wüsste, wer er sei; nein, seine Vorlieben und Abneigungen kannten er und seine Mitmenschen recht genau. Doch er wusste, da war mehr in seiner Person zu finden, ein größeres Potential.

Er wollte – und würde – sich aller Ketten entledigen; zu einem einfachen Leben zurückkehren; in den Tag hinein- und über-leben. Mit seinem Ersparten und als Tagelöhner würde er durch die Länder reisen, die Einfachheit der Existenz zu schätzen wissen zu lernen,  jeden Tag neue, authentische Charaktere kennenlernen. Es war wahrhaftig eine günstige Gelegenheit, seine rudimentären Sprachfähigkeiten aufzuwerten, nein!, noch tiefer zu gehen als je zuvor. Er frohlockte bei dem Gedanken, seine Horizonte und sein Wissen zu erweitern, neue Freunde und Fähigkeiten zu finden. Viele Genüsse warteten ebenso auf ihn wie genug Zeit und Muse, in stillen Momente schwelgen zu können.

Natürlich würde es nicht immer einfach werden, erklärt er seinem Freund vollkommen nüchtern. Das Einkommen sei unsicher – aber für etwas Essen und Unterkunft würde es sicherlich reichen; schlussendlich gab es auch Organisationen, die kurzzeitige Arbeitsstellen für Kost und Logis organisierten. Gerade das simple Leben war ja der Zweck der Reise: ohne moderne Kommunikationsmittel, die in Wirklichkeit nur von dem ablenkten, was wirklich im Mittelpunkt stehen sollte! Neue, handfeste soziale Verbindungen zählten! Und auch Verständigungsschwierigkeiten und medizinische Probleme könnten durch eine gute Organisation  in den Griff bekommen werden. Das Positive seines Vorhabens überwiege bei weitem alles potentiell Negative.

Er sah es wie eine Reinkarnation, sagte er seinem Freund. Erregt sah er sich schon fast nicht fähig auf dieses neue Leben auszuharren – ja, man konnte schon sagen, dann endlich als neuer Mensch auf dieser Welt zu stehen!

Schmunzelnd kam sein Freund am anderen Ende zu Wort: „Du musst also erst einmal den Freitod wählen, um neu geboren zu werden, ist das richtig?“

Ein Schuss Adrenalin in seinen Adern, sein Herz schien für einen unfühlbar flüchtigen Moment aufhören, zu pumpen.

Kurz musste er schlucken um dann abwesend zu bejahen, dass der Selbstmord wohl dazugehöre.

Knapp beendete er das Gespräch, um seine nackten Füße in seine flauschig weichen Pantoffeln zu stecken, einen Schluck des warmen Phoenix Pearl Jasmin Tees aus seiner Tasse zu nehmen.

Unverzüglich machte er sich daran, seinen Flug vollständig zu stornieren.

– Manuel