II.Re:Gedanken zu Attack the Block

Rashomon 2: Ryunosuke Akutagawa

Illustration probably by ana salguero

Als Jemand, der „Attack the Block“ nicht gesehen hat, habe ich mich durch diesen Post an die Kurzgeschichte  – wohlgemerkt nicht den Film! – „Rashomon“ von Akutagawa Ryūnosuke erinnert.

Kurgefasst geht es darin um einen Knecht, der – seit kurzem arbeitslos und nun um seine Existenz bangend – einer alten Frau in einem abgelegenen Stadtturm begegnet und sie dabei erwischt, wie sie Haare aus den dort liegenden Leichen reisst, um daraus Perücken herzustellen. Nachdem der Knecht – schockiert über ihr unethisches Verhalten – sie umzubringen versucht, erklärt diese ihm, dass sie in ihrem Zustand der Verarmung keine andere Wahl hätte; Auch die Toten würden es ihr nicht übelnehmen – hätten sie doch ein ebenso unmoralischen Leben gelebt. Der Knecht, der zuvor noch mit sich gerungen hatte, ob er ein Dieb werden oder moralisch akzeptabel aber verhungernd zugrunde gehen sollte, reisst darauf der alten Frau die Kleidung vom Leibe und flüchtet in die Nacht.

Das Interessante an Akutagawa`s Geschichte ist das Ringen mit der Entscheidung gut oder böse zu werden und die Frage, was Gut und Böse überhaupt ist. Diese Fragen werden nicht klar beantwortet, aber offensichtlich gibt es verschiedene Ebenen des Bösen – während der Knecht, der sich entscheidet, des Überlebens Willen Böse zu werden, keine moralischen Bedenken hat, der alten Frau noch ihr letztes Kleid zu rauben, hat sie andere Vorstellungen von Ethik; schließlich schade sie keiner lebenden Person mehr, wenn die Haare einer Toten gestohlen und als Perrücke verkauft werden (oder anstatt Fisch getrocknete und gesalzene Schlange an nichts Ahnende versilbert wird) .

Der Knecht steht hier – ebenso wie in „Attack the Block“ Moses – an einem Entscheidungspunkt. Moses entscheidet sich – für sein eigenes Überleben – für das Leben eines Kriminellen, der anderen Menschen Schaden zufügt. Der Knecht ringt mit sich, ob er diesen Weg gehen solle oder nicht – und entscheidet sich wie Moses für den Weg des Verbrechers. Doch während „Rashomon“ den Leser zum Nachdenken anstoßen möchte, über Moralität, Humanität und die Existenz von Gut und Böse und deren diffizilen Unterschiede, ist der Film „Attack the Block“ – vielleicht ungewollt – der Ansatz einer Darstellung unserer indifferenten Gesellschaft.

Es ist wahrscheinlich nicht so, dass die aussergewöhnlichen Umstände des Filmszenarios den Charakter zu einem Heiligen metamorphisieren. Genauso wenig ist er  in dem unmoralischen Zustand des Kriminellen ein durch und durch schlechter Mensch. Simplerweise existiert Moses einfach nur, und gleicht sich seiner Situation an, um zu überleben. Aus diesem Grund wäre es für eine tiefere, menschliche Analyse und künstlerische Aussage interessant zu sehen, was für ein Charakter in einer für die Mittelschicht alltäglichen Situation gezeichnet werden würde. Was passiert mit Moses nachdem er die Welt gerettet hat? Falls er genug Geld hat und einen Platz in der Mittelschicht finden kann, wird er dann weiterhin das Gute repräsentieren? Wird er Gutes tun und den Menschen um sich herum bzw. denen in Not helfen?

Ich gehe davon aus, dass er es nicht tun würde – genausowenig wie es der Durchnschnittsbürger tut. Denn Moses ist weder ein Heiliger noch ein Unmensch.

Er ist kein Heiliger, da er ein Krimineller ist, der seine Existenz vor die Anderer stellt; doch das kann der Zuschauer verstehen – wer will schon in der Gosse sterben?  Der Unmensch – mit dem wir uns nicht identifizieren können und wollen – ist er auch nicht, sonst hätte er nicht für die Menschen gegen die Aliens gekämpft, sondern hätte die Situation in jeglicher Weise für sich genutzt, um zu überleben und Nutzen zu ziehen. Aus diesem Grund ist Moses ohne genaue Kontur als Mitglied der Mittelschicht – genauso wie der wenig ausdefinierte 08/15 Mittelschichtler. Der Mittelschichtler kann sich nicht mehr bewegen – weder nach Unten zum Bösen, noch nach Oben zum Guten -, denn seine Existenz ist ausreichend gesichert.

Insofern ist Moses in „Attack the Block“ entweder ein geniales Dokument unserer Gesellschaft…

oder er ist eine langweilige Figur, denn die Unbeweglichkeit wird nicht zum Thema des Dramas – nur der Gegensatz von Böse und Gut in einer einzigen Person ist hier das Schlüssel-Spannungsmoment, und diese Metamorphose ist auch aus anderen erzähltechnischen Gründen notwendig um einen erfolgreichen Unterhaltungsfilm zu produzieren.

Währenddessen läßt mich „Rashomon“ immernoch über die Wahl des verarmten Knechts schaudern und schmunzeln und mich über meine eigene Entscheidung grübeln, wäre ich an seiner Stelle im alten verarmenden Kyōto.

-Manuel