I.Gedanken zu Attack the Block

Ohne Frage ist “Attack the Block” ein gelungener Unterhaltungsfilm. Er hat keine Hänger, fast keine lästige Interaktion zwischen hysterischen Charakteren und nur wenige Klischees des Genrekinos. Desweiteren bietet der Film ein sehr gelungenes Alien-Design, welches das Auge des Zuschauers begeistern kann, und das geringe Budget nicht überstrapaziert. Dieses besondere, sehr dunkle Aussehen der Außerirdischen ermöglicht nicht nur einen Witz in Bezug auf die Hautfarbe der Protagonisten, sondern stellt auch sicher, dass die Effekte nicht schon nach wenigen Jahren veraltet wirken.

Sowohl die Presse als auch die Genre-Liebhaber haben “Attack the Block” positiv aufgenommen. Sofort wurde er mit einem englischen Klassiker verglichen, nämlich “Shaun of the Dead”. Ich möchte diesen Augenblick nicht nutzen, um diesen Film zu loben, sondern um einige Punkte anzusprechen, die ich als etwas seltsam empfinde. “Attack the Block” lebt sicherlich von der neuartigen Idee, die außerirdische Invasion in einem englischen “Ghetto” stattfinden zu lassen. Nichtsdestoweniger ist der Film für die weiße Mittelschicht gedreht worden. Er ist ein Genre-Film, der ein Publikum begeistern muss, welches sich in ihm nicht im klassischen Sinne widerfindet. Der Genre-Liebhaber ist weiß, gehört der Mittelschicht an und kennt das Leben in einem “Ghetto” nicht aus persönlicher Erfahrung. Diese Beschreibung trifft bestimmt auch auf Autor und Regisseur Joe Cornish zu. Cornish schreibt also über eine Welt, die er nur durch fiktionale und faktuale Werke kennt. Dieses Schicksal teilt er mit dem Publikum, welches zu begeistern ist, damit die Kosten des Film eingespielt werden.

Nun, das ist an sich noch kein besonderer Umstand, beschäftigen sich Genre-Autoren doch generell mit Topoi, die sie nur bedingt aus dem persönlichen Leben kennen. Ihre Lebenserfahrung kommt in der Regel in den Charakteren zum Vorschein. Mir erscheint dieser Punkt deswegen so wichtig, nicht etwa, weil Cornishs Protagonisten eindimensional und weltfremd gezeichnet sind, sondern weil ich das für den entscheidenden Grund für die moralische Läuterung des Hauptcharakter halte. Am Ende des Film ist aus dem Dieb und Drogendealer der Retter der Menschheit geworden. Man kann das ein politisch korrektes Ende nennen, oder es auf viel ältere klassische Erzählstränge zurückführen, die sich geschmeidig unserer PC süchtigen Welt fügen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die heroische Wandlung des Protagonisten auch ein Versuch ist, den Mainstream-Appeal des Films zu steigern.

Entscheidend für mich ist jedoch nicht, was der Zuschauer eindeutig vorgelegt kriegt, sondern die Implikationen, die sich aus diesen klar gezeichneten Szenen ergeben. Bevor die Außerirdischen in das Leben des Moses eindringen, ist er ein Dieb und Drogendealer. Er macht keine Anstalten, dies zu ändern. Er überfällt und raubt eine Frau aus und zeigt sich bereit, mit harten Drogen zu dealen. Zwar entschuldigt er sich bei der Frau für den Raub, aber nur, weil sie in seinem Block lebt. Er definiert sich in diesem Moment über das Zugehörigkeitsgefühl und nicht über eine bestimmte Vorstellung von richtig und falsch. Moses wird erst durch eine äußere Gefahr zum guten Menschen. Es ist der Krieg, der aus ihm den Helden macht. Natürlich kann man einwenden, dass dieses “gute Etwas” in ihm verborgen liegt und nur durch die äußeren Umstände an die Oberfläche getragen wurde, doch unterminiert dies nicht die entscheidende Bedeutung der “äußeren Umstände”, die notwendig sind, damit Moses sein Potenzial ausschöpft. Nicht die einschläfernde Mittelmäßigkeit des Unterschichtenlebens und des westlichen Bestrebens nach Reichtum und Erfolg, sondern die Lebensgefahr und der Kriegszustand machen ihn zu demjenigen Moses, der frenetisch von der Menschenmenge bejubelt wird. Erst nachdem er Tod und Verderben über sich und seinen Block brachte, und erst nachdem er erfolgreich die außerirdischen Invasoren zerstörte, erhielt er seine Fähigkeit zurück, zu Lächeln. Tod, Krieg, Zerstörung und Zufriedenheit.

“Attack the Block” ist ein weiterer Film, der das Potential der Zerstörung für die Erneuerung aufzeigt. Gewollt oder ungewollt macht das jede Geschichte, die seine Protagonisten in eine außerordentliche Situation versetzt und sie der Lebensgefahr aussetzt. Darüber hinaus zeigt diese Geschichte immer auch die erlahmende Wirkung einer Gesellschaft, die sich auf Mittelmaß und Sicherheit stützt, die nicht anecken möchte, und jedem von uns die Möglichkeit nimmt, besser zu sein. In ihr war Moses ein Dieb und Drogendealer. Außerhalb ihr der Held.

Weiterlesen